Dienstag, 8. September 2015

Über die Höflichkeit


 

Robert RavenEs gab einmal eine Zeit, in der von einem Menschen, der öffentlich auftrat, der seine Meinung vor anderen vertreten wollte, erwartet wurde, dass er dabei gewisse gesellschaftliche Spielregeln befolgte, ohne die einer nicht zugelassen wurde zur zivilisierten Menschheit. Ich spreche hier von jener alten Tugend, die heute meist in Vergessenheit geraten zu sein schein: Höflichkeit.

Was muss man sich dagegen in der heutigen Zeit ansehen? Wie ist es denn um den Umgang vieler Zeitgenossen untereinander bestellt? Da wird beleidigt, herabgewürdigt, geschmäht, verhöhnt und ganz allgemein seine Respektlosigkeit in die Welt hinausgeschleudert, ohne viel nachzudenken. Fast möchte man meinen, dass die Zahl der Zeitgenossen, die noch Menschliches in sich tragen, sich stetig auf dem Rückzug befindet.

Angefangen hat die Unsitte der Respektlosigkeit wohl in der Familie. Namentlich damit, dass Kinder begannen ihren Eltern keinen Respekt mehr entgegen zu bringen. Ich spreche hier von der unsäglichen „68er-Generation“, die die Wertlosigkeit, die Anstandslosigkeit und ganz allgemein alles, was zum schlechten Leben führen muss, propagiert hatte. Noch weilen viele dieser Gestalten unter uns und auch nachfolgende Generationen wurden mit diesem verderblichen Geist, wie mit einem gesellschaftlichen Gift infiziert.

Es ist heute schwer sich vorzustellen, wie höflich die Menschen einst miteinander umgegangen sind – schon im Bürgertum, und um wie vieles mehr erst beim Adel früherer Zeiten! Man muss bedenken, dass Unhöflichkeit immer etwas aussagt über denjenigen, der unhöflich ist, viel weniger jedoch über jenen, der unhöflich behandelt wird (der Unhöfliche hingegen empfindet es genau umgekehrt). Die Vorstellung, dass Unhöflichkeit etwas Gutes nach sich ziehen könne, ist völlig absurd. Wahre Höflichkeit kommt immer aus dem Wesen des Menschen und ist nicht aufgesetzt. Zu meinen in früheren Zeiten wäre die Höflichkeit nur aufgesetzt gewesen und hätte nicht der wahren Geisteshaltung der Menschen entsprochen, ist eine zynische, ja meist sogar nihilistische, Sicht der Vergangenheit und entspricht nicht im Geringsten den historischen Tatsachen.

Wir sollten uns alle bemühen der sich eingeschlichenen Sitte der mangelnden Höflichkeit entgegenzutreten, sie anzusprechen wo sie auftritt und ihr vorbildlich zu begegnen. Scham ist diesbezüglich ein gutes Zeichen. Ein Mensch der Scham empfindet ob seiner Unhöflichkeit, ist noch nicht verloren – er kann sich noch ändern und das zarte Pflänzchen des Anstandes soll von seinen Mitmenschen im Wachstum befördert werden, wo es nur geht. Höflichkeit ist eine ganz wichtige Zutat zu einer gelungenen Gesellschaft, einer, die die Bezeichnung „zivilisiert“ wahrhaft verdient. Diese Komponente einer Kultur dürfen wir nicht vernachlässigen – etwas, das in Europa allerdings schon länger passiert. Wir brauchen wieder mehr Anständigkeit, mehr Respekt im Umgang miteinander. Lasst uns alle daran arbeiten – für uns selbst und mehr noch für kommende Generationen.

 

Robert Raven

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