Freitag, 20. Juni 2014

HAYEK KAPITEL 1 - THE ABANDONED ROAD

I. ABWEICHUNG UND VERDREHUNG
Gesellschaften mögen lange Zeit glauben auf dem rechten Weg zu sein, die bestehenden Prämissen werden nicht hinterfragt, ja sie sind einem in der Regel nicht einmal bewusst. Viel zu selbstverständlich erscheinen sie einem, so dass man sie mit der natürlichen Welt selbst verwechselt. Die Gesellschaft in der man selbst lebt, erscheint einem als das"Normale" und Sensibilität herrscht meist nur gegenüber den Gesellschaften, die sich stark von der eigenen unterscheiden, vor allem wenn sie deren Werten entgegen gesetzt funktioniert. Wenn dann jedoch in einer Gesellschaft etwas schief läuft, wenn Probleme auftauchen, dann ist man bereit jeden und alles zur kritisieren, außer sich selbst. Hayek war in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als er in England lebte, sehr besorgt über die Entwicklung, die Großbritannien genommen hatte, über den falschen Weg, den es eingeschlagen hatte, weg von seinen liberalen Fundamenten, hin zu kollektivistischen Vorstellungen. Ähnliches geschah auch in den USA. Hayek meinte dass der Beginn dieser Entwicklung etwa ab 1931stattgefunden habe, zweifelsohne in der Folge der großen Depression. Er beobachtete mit großer Sorge die Entwicklung in den anglo-amerikanischen Ländern und stellte Paralellen zu Deutschland und Italien fest, die beide faschistisch geworden waren. Der Totalitarismus hatte seinen Siegeszug nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begonnen, fegte die Weimarer Republik hinfort und erreichte seinen Höhepunkt in Hitler, Stalin und Mussolini. Hayek stellte fest, dass dieGefahr des Totalitarismus in England und den USA völlig unterschätzt wurde, dass diese Länder und Gesellschaften sich als immun gegen solche Strömungen betrachteten. Hayek als Mann "von außen" betrachtete dies anders. Er sah in der Entwicklung auf dem europäischen Kontinent viel mehr als nur die Abkehr von der Demokratie. Für ihn waren der Sozialismus/Kommunismus und der Nationalsozialismus der ganzen westlichen Zivilisation entgegen gesetzte Strömungen, die alles verrieten, wofür die europäische Tradition und Entwicklung seit vielen Jahrhunderten, ja teilweise seit der Antike, gestanden hatte. Das römisch-griechische, das christliche Erbe wurde ebenso mit Füßen getreten wie das individualistische Erbe des Erasmus, Montaigne, Ciceros und vieler anderer. Weiters stellte er fest, dass der Begriff der "Freiheit" nun völlig anders verstanden wurde, als dies ursprünglich der Fall gewesen war. Freiheit stand nun immer mehr dafür, dass eine Gruppe auf Kosten einer anderen sich bereichern durfte und nicht mehr in der Abwesenheit von Zwang, was die einzig wahre Bedeutung von Freiheit sein kann. Im 19. Jahrhundert wiesen Lord Acton und Alexis de Tocqueville darauf hin, dass Sozialismus Sklaverei bedeutet - trotzdem marschierten die Völker des Kontinents in diese Richtung und England war dabei, mit etwas Zeitverzögerung, zu folgen.

In der heutigen Zeit finden wir gerade im Bereich der Begriffe eine ähnliche "Pervertierung" vor. Unter dem Begriff der "Freiheit" wird auch heute oft in die Rechte und das Leben anderer eingegriffen, "Gerechtigkeit" steht nicht selten für Selbstbedienung an den Gütern der anderen und die gute alte "Toleranz" ist zur Lächerlichkeit verkommen. Die wahre Bedeutung von Toleranz besteht darin einen anderen in seiner Meinung und seinem Verhalten zu dulden, sowie sich für die Freiheitsrechte der anderen genauso einzusetzen, wie für die eigenen, selbst dann wenn man diese ablehnt. Der Voltaire zugeschriebene Satz "Mir gefällt nicht, was du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst", drückt diese Haltung sehr treffend aus. Wer jedoch versteht Tolernz heute noch in diesem Sinne? Allzu oft wird sie mit Ignoranz verwechselt, was nichts anders heißt, als den anderen deshalb in Ruhe zu lassen, weil einen sein Verhalten nicht kümmert. Oberflächlich mag so derjenige der meint: "es soll doch ein jeder tun, was er will", tolerant erscheinen, in Wirklichkeit ist er lediglich ignorant. Schon gar nicht hat Toleranz mit Akzeptanz zu tun. Dies ist das zweite große Missverständnis, das heute sehr häufig anzutreffen ist. Man bezeichnet oft nur denjenigen als tolerant, der einem zustimmt, wer einen ablehnt wird als "intolerant" bezeichnet. Nichts könnte ferner liegen. Unter dem Deckmantel von "Toleranz" kommt es mitunter zur Einschränkung der freien Meinungsäußerung anderen, die unliebsam über eine sprechen.



II. HISTORISCHE ENTWICKLUNG
Wenn man sich den Kern dessen ansieht, was den "Westen" im Sinn der "westlichen Kultur" ausmacht, dann kommt es nicht einmal auf den technischen Fortschritt an, die Entdeckungen, die äußeren Erscheinungen dieser Zivilisation, sondern im Zentrum steht die Freiheit des Individuums und die Einschränkung und Kontrolle der Macht. Nur die Freiheit des Individuums konnte Kräfte freisetzen, die zu Wissenschaft, Kunst, und Wohlstand führten. Einer der Feinde der westlichen Kultur, der Gründer der französischen Soziologie und des Positivismus', August Compte, meinte der Westen sei durch die Revolte des Individuums gegen die Spezies gekennzeichnet. Es waren aber genau diese libertären Kräfte, die seit der Antike auf die Befreiung des Einzelnen von der Gruppe hingewirkt hatten und einen ersten großen Höhepunkt in der Renaissance erlebten. Wie nicht anders zu erwarten gab es immer wieder starke kollektivistische Gegenbewegungen, doch sie wurden alle überwunden. Hayek sah nun im Sozialimus/Kollektivismus/Totalitarismus eine neue solche Gegenströmung, die dabei war ihre Wirkungen zu entfalten und die fortschrittliche Entwicklung der westlichen Kultur zu hemmen oder gar umzudrehen.

Das 19. Jahrhundert war noch ein Jahrhundert des Individuums gewesen. Man beugte sich eine Autorität oder lehnte sich gegen sie auf, aber man war noch kein gleichgeschalteter Massenmensch wie im 20. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert mit seinem Liberalismus schaffte ein Freiheitsbewusstsein bei allen Klassen. Die Renaissance hatte ein solches Bewusstsein bei den Gebildeten bewirkt, die Aufklärung beim Bürgertum und der Liberalismus auch beim Proletariat und allmählich sogar bei der Landbevölkung, bei der die Freiheitsgedanken am spätesten zu wirken begannen. Traditionell bestand die größte Freiheit immer bei den Menschen, die an der Spitze der Bevölkerungspyramide stande, was jahrhundertelang nur den hohen Adel und die hohe Geistlichkeit betraf. Doch mit der Zeit griff das Bewusstsein der Freiheit auf immer weitere Kreise der Bevölkerung durch und löste die traditionelle Ständegesellschaft auf. Gleichheit trat an die Stelle der Pyramide. Wenn alle Menschen sich ihrer Freiheit bewusst sind, ist eine ständische Gesellschaft nicht mehr aufrecht zu erhalten. Eine logische Folge davon war, dass der Mensch sich nun als Herr seines Schicksals ansah. Schon seit der Antike gab es bei einzelnen die Ansicht, dass des Menschen Charakter sein Schicksal sei. Als Massenüberzeugung setzte sich dies erst im 19./20. Jahrhundert durch. Der Grad der persönlichen Freiheit eines Menschen kann auch daran gemessen werden, wie sehr er glaubt Meister seines eigenen Schicksals zu sein (Sigmund Freud: "Charakter = Schicksal").

Die befreite moderne Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert dabei war geboren zu werden, verdankte ihre Freiheit vor allem dem Liberalismus.  Der Liberalismus vertraut auf den Menschen, auf sein spontanes Handeln und lässt die individuellen Kräfte in vollem Umfang zu, seine Regeln sind dynamisch und vor allem richtet er sich als einzige Strömung an alle Menschen. Der Liberalismus kennt keine bevorzugten Klassen oder Gruppen von Menschen, sondern die Freiheit, in gleichem Maße, gilt für alle Menschen. Deshalb ist der Liberalimus keiner Elite vorbehalten. Die Renaissance war die "Entdeckung des Individuums", wie Jacob Burckhard feststellte, die erste Blüte des Individualismus seit der Antike. Die Aufklärung befreite den Menschen vom Aberglauben (nicht vom Glauben!), schränkte den Menschen jedoch in seiner Gesamtheit durch die Vernunftkonzentration auch wieder ein. Der Liberalismus ließ den Menschen nun wieder in seiner Gesamtheit zu und würdigte den einzelnen als einmalige, einzigartiges Phänomen.

Was die Stellung des Liberalismus angeht so zeichnet Hayek in "Der Weg zur Knechtschaft" eine wunderbare Analogie aus dem Bereich der Biologie (Hayek selbst kommt aus einer Familie mit einer langen Tradition von Biologen). Er meint die Einstellung eines Liberalen zur Gesellschaft ließe sich mit der eines Gärtners vergleichen, der sich darum bemüht die optimalen Bedingungen für das Wachstum zu schaffen. Dazu müsse er so viel als möglich über die Struktur und die Funktionsweise der Pflanzen wissen. Daraus geht hervor, dass gerde der Liberale ein profundes Wissen, nicht nur über den einzelnen, sondern über die (modere) Gesellschaft haben müsse. Der Übergang von der traditionellen zur moderenen Gesellschaft erfolgte durch eine Reihe von Revolutionen, ausgehend von England (17. Jh.) über Frankreich (18./19. Jh.), Deutschland (19. Jh.) bis Russland (20. Jh.). Daraus ergibt sich oft die Ansicht, dass eine Veränderung der Gesellschaft im Wesentlichen durch Revolutionen zu erfolgen habe. Tatsächlich aber missversteht ein Vertreter dieser Idee die völlig verschiedene Natur der modernen Gesellschaft. In der klassischen Gesellschaft war man Mitglied eines Standes. Dieser Stand bestimmte das gesamte Leben, man war eine Einheit und hatte seinen festen Platz im Gesamtgefüge. Das soziale Leben war statisch und vorhersehbar, man kannte seine Werte und Ziele (sie waren durch den Stand vorgegeben) und das eigene Schicksal war mehr oder weniger bekannt. In der modernen Gesellschaft kommt der Mensch als ganzes nicht mehr vor, er ist dort sozusagen ein Fremder als komplettes Individuum zumindest. Der einzelne nimmt an der Gesellschaft nur noch in der Form von Rollen und Funktionen teil. War vor ein paar Jahrhunderten beispielsweise ein Kaufmann noch eine Komplettbezeichnung für einen Menschen, man könnte heute etwas von einem "Lifestyle" sprechen, so ist "Kaufmann" heutzutage nur noch die Bezeichnung einer beruflichen Tätigkeit, jedoch sagt sie nichts über das Privatleben, die Vorlieben und Abneigungen aus - frührer war dies anders. Kaufmann zu sein bezog sich auf alle Aspekte des Lebens. Was nun die Gesamtgesellschaft betrifft, so ergeben sich aus all diesen Dingen schwerwiegende Folgen. Sie ist ein derart komplexes Gebilde, dass sie nicht mehr einfach steuerbar ist, dass ihre Entwicklung nur wenig vorhergesehen werden kann. Nur vernetztes Denken bringt hier noch Erfolge - mehr als je zuvor rückt die Analyse ins Zentrum der Betrachtung - das Verstehen, weniger das Handeln, sind entscheidend.

Die Vorstellung einfache direkte Maßnahmen würden gewünschte Ergebnisse zur Folge haben, kommt vom monokausalen (alten) denken, dass traditionell gut funktioniert hatte, doch heute immer mehr zu Katastrophen führt. Die Verwechslung der traditionellen mit der modernen Gesellschaft ist eine der Hauptursachen für eine ineffiziente Politik, die den Wald vor lauten Bäumen nicht mehr sieht und in der Regel sich durch Überreagieren und Aktionismus den Anschein gibt noch etwas bewirken zu können. Man reguliert immer mehr im Kleinen, weil man die großen Zusammenhänge nicht versteht und dort nichts mehr bewirken kann. Die Gefahr für die Freiheit geht heute gerade auch von der "Mikroregulierung", die nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Nicht-Verstehen entsteht, aus. Auf individueller Ebene führt das "Chaos" der modernen Gesellschaft dazu, dass Menschen immer mehr unter psychischen Problemen leiden. Moderne Leiden wie Depressionen, Burnout, Neurosen, Süchte etc. haben stark damit zu tun, dass der Mensch zwischen den verschiedenen Rollen und Erwartungen in der Gesellschaft zerrissen wird und sich selbst nicht mehr als Ganzes empfindet. Allzu leicht empfindet man die Gesellschaft als eine Art Monster, das sich den eigenen Zielen entgegenstellt. Doch eine Gesellschaft ist nicht einfach die Summe all ihrer Mitglieder, sondern ein ganz eigenes Gebilde, das von der Analyse des einzelnen Menschen her nicht verstanden werden kann. Es ist deshalb für das Individuum essentiell, dass es eine Identität jenseits der Rollen hat, dass es so etwas wie einen festen "Kern" besitzt. Dabei spielen die philosophischen Überlegungen, ob der Mensch überhaupt einen solchen Kern habe oder nicht, keine Rolle. Wenn es einen solchen Kern nicht geben sollte, so muss er eben konstruiert werden.



III. DER SÜNDENFALL (aus der Sicht Hayeks 1944)
Es ist keine Frage, dass der Liberalismus des 19. Jahrhunderts erst der Anfang eines geistigen Gebäudes war, das weitergedacht werden muss. Über die Gesellschaft und das Individuum nachzudenken darf jedoch niemals dahingehend entarten, dass man versucht eine Gesellschaft zu "designen". Dass dies einerseits nicht möglich und auf der anderen Seite zur Unmenschlichkeit führt, wurde hingehend bewiesen. Der Erfolg des Liberalismus in der Vergangenheit ist zu einer Gefahr für ihn selbst geworden. Die Menschen hielten die Errungenschaften der Freiheit für selbstversändlich und glaubten auf das geistige Fundament derselben verzichten zu können. Sie hatten immer weniger Tolernz für die Übel der Welt und wollten dass sie verschwänden. Dieses Verschwinden sollte jedoch nicht durch das freie autonom handelnde Individuum geschehen, sondern durch geplantes Handeln der politischen Entscheidungsträger. Die Bedürfnisse wurden immer größer und die Menschen sanken auf ein Stadium der Unselbständigkeit herab, indem "Vater Staat" die Verwantwortung übernahm für die Bedürfnisse zu sorgen. Solches funktioniert freilich nur, wenn man die individuellen Freiheiten einschränkt und auf die Güter anderen zugreift. In ihrer Verblendung machten die meisten jedoch bei diesem "Spiel" mit. Es war die Gier, die die Menschen zum Sozialismus, zum Kommunismus und zum Nationalsozialimus trieb - die Gier von Gefahren erlöst zu werden - die Erlösung für gleichgesetzt mit Freiheit - der Freiheit von Lasten, was natürlich auch die "Freiheit" von Verantwortung bedeutet und damit auch die Abgabe von persönlicher Macht. Bestärkt wurde die Illusion einer geplanten Gesellschaft durch die Wissenschaften. Durch die großen Erfolge der Wissenschaften, vor allem der Naturwissenschaften, entstand der fatale Glaube man könne eine Gesellschaft planen wie eine Maschine, wie die Dinge der natürlichen Welt. Gegen diesen "Szientismus" wehrte sich Hayek. Er sah ganz klar, dass es sich dabei nicht mehr um Wissenschaft handelte, sondern um Politik. Wenngleich viele Wissenschaftler glaubten es könne so zur Verwissenschaftlichung der Politik kommen, ist es in Wahrheit zur Politisierung der Wissenschaften gekommen. Das beste und schauerlichste Beispiel dafür sind die Wissenschaft unter dem NS-Regime und unter dem Sowjetkommunismus.

Hayek beschäftigte sich in seinen Buch besonders mit der Situation England bis zum Jahr 1944. Er wies darauf hin, dass über 200 Jahre lang England seine Idee in die Welt exportiert hatte, vor allem auf den europäischen Kontinent. Noch im 19. Jahrhundert wurden britische Idee in Europa mit Begeisterung aufgenommen - dies ging bis zur Nachahmung britischer Lebensart. Dieses West-Ost-Gefälle existierte jahrhundertelang und kennzeichnete den Ideenstrom in Europa. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts drehte sich der Strom jedoch um, so dass Britannien immer mehr zum Importeur von Idee des kontinentalen Europas wurde. Dies lässt sich vor allem ab 1870 erkennen, als mit dem Deutschen Reich eine neue Großmacht im Zentrum Europas entstanden war. Der wissenschaftliche und wirtschatliche Erfolg Deutschlands begeisterte viele in England und sorgte dafür dass nun immer mehr deutsche Denkweisen angenommen wurden. Der Gegensatz der beiden Kulturen zeichnete Hayek sehr deutlich. Das Prinzip Deutschland ist die Planung und die Organisation, das Prinzip Englands hingegen ist die spontane Entfaltung der individuellen Kräfte. Dieser Gegensatz wurde in England interessanterweise als solcher kaum erkannt. Auf der anderen  Seite sah es ganz anders aus. Deutschland unter Kaiser Wilhelm II., und am deutlichsten unter Hitler, war sich der "Gegenkultur" sehr bewusst. Die Nazis bezeichneten sich sogar stolz als "Anti-Renaissance".



IV. HEUTE 2014
Was nun die heutige Situation im Jahr 2014 betrifft, so erkennt man Spuren dieses Gegensatzes zwischen England und dem Kontinent noch immer. Die EU steht dem deutsch-franzöischen Modell der Planung weitaus näher, als der individuellen Entfaltung, wie sie Großbritannien zum Glück noch
immer, beziehungsweise wieder, vertritt. Viele Spannungen, wie im Augenblick um die Wahl des Kommissionspräsidenten, haben ihren Ursprung in diesen grundlegenden kulturellen Unterschieden - auch wenn die meisten Akteure sich dessen nicht bewusst sind. Das ist umso bedauerlicher, als sich die Planung als eindeutig schlechterer Weg herausgestellt hat, als die freie Entfaltung. "Planung" ist jedoch vor allem im deutschen Wesen noch immer stark verankert, egal ob in West oder Ost; es scheint geradezu eine deutsche Tugend zu sein. In Wirklichkeit ist dies eine relativ junge deutsche Entwicklung, die nebem den Sozialimus auf das ältere "Preußentum" zurückgeht. Im 18. Jahrhundert noch wären solche Ideen nicht als typisch deutsch aufgefasst worden. Es ist auch schwer vorstellbar, dass etwa ein Goethe einer geplanten Gesellschaft oder einer geplanten Wirtschaft zugestimmt hätte. Eine interessante Beobachtung kann man machen, wenn man sich seine sozialistischen Zeitgenossen noch heute ansieht. Es gibt nämlich kaum ein Sozialist, der nicht auch ein Positivist wäre. Dieser Umstand beweist jedoch keinesfalls, dass der Sozialismus Recht hat, sondern ganz im Gegenteil, dass der Rationalismus falsch ist!

Was die Zukunft des Liberalismus anbelangt, so gibt es auch im 21. Jahrhundert große Herausforderungen. Was die entwickelten Gesellschaften anbelangt. So ist freilich weiterhin auf den Schutz des einzelnen vor dem Staat und vor kollektiven Gruppen zu achten. Hinzu tritt jedoch immer mehr ein verstärkter Schutz des einzelnen vor anderen einzelnen. Dabei geht es weniger um natürliche Personen untereinander, als viel mehr dem Schutz vor privaten Organisationen. Die Freiheit des einzelnen wird im wirtschaftlichen Bereich am besten durch freie Märkte geschützt. Aber gerade diese freien Märkte sind in Gefahr, wenn Monopole entstehen. Deshalb wird ein Schwergewicht liberaler Denker in Zukunft darauf gerichtet werden müssen den fairen Wettbewerb
aufrecht zu erhalten. Dies muss mit Mittel der Freiheit geschehen, um zu verhindern, dass die Kollektivisten die Regulierung des Marktes übernehmen. Gerade in Zeiten von Krisen ist es wichtig ob der Gefahr nicht den Kopf zu verlieren und die Folgen von Maßnahmen genau zu durchdenken - vor allem die Neben- und Fernwirkungen. Es besteht die Gefahr die Freiheit um der Sicherheit Willen zu verkaufen. Terrorismus, angenommener Klamwandel, Pleiten großer Konzerne und Finanzinstitutionen, Eurokrise, Währungskrise, Schuldenkrise etc. bergen alle die Gefahr, dass individuelle Freiheit "um der guten Sache Willen" geopfert werden. Es wird an den fortschrittlichen, vernünftigen und freiheitsliebenden Kräften liegen die Freheit zu verteidigen und dem Kollektivismus keinen Zoll breit zu überlassen. Weiters wird es auch wichtig sein die Drittwirkung von Handlungen einzelner zu berücksichtigen. In diesem Rahmen wird es möglicherweise zu einer Ausweitung der "Drittwirkung der Grundrecht" kommen. Menschliche Handlungen spielen sich nicht im Vakuum ab und haben immer mehr oder weniger Auswirkungen auf andere. Durch zunehmende Vernetzung der Gesellschaft und einen größeren Komplexitätsgrad wird die Anzahl und die Auswirkungen von Handlungen auf Dritte stark steigen. Wir werden uns überlegen müssen, wie in diesem gewaltigen Spannungsfeld dem einzelnen maximale persönliche Freiheit, bei gleichzeitigem Schutz der Freiheit anderer gewährleisten können. Die Aufgaben des 21. Jahrhunderts sind komplexer als je zuvor, unsere Instinke, unsere Emotionen, können uns immer weniger weiterhelfen, wir sind gezwungen uns mehr und mehr auf unsere Vernunft (nicht bloß auf den Verstand) verlassen zu müssen. Haben wir Vertrauen in uns als Menschen diese Aufgaben bewältigen zu können! Der Liberalismus jedenfalls hat dieses Vertrauen.





Donnerstag, 19. Juni 2014

Hayek - "Der Weg zur Knechtschaft" - Einleitung

I. DIE AUSGANGSLAGE
Als 1944 in England das Buch "The Road to Serfdom" (dt. "Der Weg zur Knechtschaft") von Friedrich August von Hayek erschien, befand sich das Land nicht nur im größten Krieg der bisherigen Geschichte, sondern auch in einer inneren Stimmung der Zeit, die die Ideale, die Großbritannien groß und bedeutend gemacht, hatten mehr und mehr verachtete und weit stärker einer Gesellschaft glich, wie in Deutschland vor Hitlers Machtantritt 1933. Dies war ein Umstand, den die Briten sich nicht eingestehen wollten: sie waren ebenfalls auf dem Weg weg von den liberalen Grundgedanken, die die englische Welt lange geprägt hatten, hin zu kollektivistischen Ideen. In "The Road to Serfdom" zeigt Hayek auf, dass die konsequente Durchführung der kollektivistischen Ideen dorthin führt, wo Deutschland und die Sowjetunion sich unter Hitler und Stalin befanden. Die Briten, auch die Intellektuellen, waren für solche Einsichten blind. Als Beispiel mag hier ein Treffen zwischen Hayek und Churchill dienen. Churchill hatte Hayeks Buch mit großem Interesse gelesen, meinte dem Ökonomen gegenüber jedoch solches könne in England niemals geschehen. Als liberaler Denker aus dem nicht-liberalen Österreich mit großer Bewunderung für England, war das Großbritannien der 30er- und 40er-Jahre nicht jenes liberale Gladstone-Britannien mehr, das Hayek und viele andere vom Kontinent emigrierte Intellektuelle erwartet hatten. Vielmehr hatten antiliberale, oft streng-sozialistische Ideen, gerade bei den Intellektuellen, um sich gegriffen und den Geist einer ganzen Gesellschaft infiziert. Hayek war klar, dass auch Großbritannien und die USA sich auf dem Weg zum Abgrund des Kollektivismus befanden (Roosevelt sprach in einer berühmten Rede über die "vier Freiheiten"; eine davon war die "Freiheit von Mangel" - was natürlich überhaupt keine Freiheit ist, sondern Ausbeutung der nicht vom Mangel betroffenen durch diejenigen, die dem Mangel ausgesetzt sind). Hayek erkannte ganz klar, dass die beiden anglo-amerikanischen Länder damit mit ihrer eigenen Tradition gebrochen hatten, diese zum Teil sogar vehement ablehnten und den gleichen "Göttern" zu frönen begannen, wie die Länder des europäischen Kontinents.

Langfristig ist der Mensch der Herr seines Schicksals, kurzfristig jedoch ist er gebunden an die Ideen, die er selbst erschaffen hat. So bestand im Jahre 1944, als Hayek's Buch erschien, noch die Hoffnung, dass durch ein Bewusstmachen der Konsequenzen des eingeschlagenen Weges, ein Umdenken herbeigeführt werden konnte. Denn wenn die Ziele der Kollektivisten auch oft sehr nobel waren, so sehr waren sie dabei gerade diese Ziele durch die notwendigen Maßnahmen, die sie setzen mussten, um diese zu erreichen, zu verunmöglichen und das genaue Gegenteil herbeizuführen. Einige engagierte Leute waren von Hayek's Buch stark inspiriert und wurden aktiv. So gründete etwa Athony Fisher das "Institue of Economic Affaires", ein liberaler Think-Tank, der im Laufe der Zeit wachsenden Einfluss gewann und an der Rettung der britischen Wirtschaft unter Margret Thatcher maßgeblich beteiligt war. Hayek's Verdienste um eine freie Wirtschaft und mehr noch um eine freie Gesellschaft, können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Viele Sozialisten und Konservative wurden durch die Lektüre "The Road to Serfdom" zum Liberalismus konvertiert.

Heute, 70 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen des Buches, befinden wir uns in einer ganz anderen Lage und doch gleicht sie in einigen Bereichen jener von 1944. Was sich geändert hat ist, dass durch den Zusammenbruch das Nichtfunktionieren von Kommunismus/Sozialismus bewiesen wurde - kaum ein ernstzunehmender Denken wird in diesen noch ein Modell für die Zukunft sehen. Nichtsdestotrotz besteht die Gefahr größerer Staatseingriffe in jenen Bereichen, die heute zum "Hausverstand" gehören, die "ohnehin klar" sind und selten hinterfragt werden. So glauben viele, dass einem vermuteten Klimawandel nur mit drastischen Maßnahmen entgegengetreten werden könnte. Was meisten verschwiegen wird, ist dass dieser "Schutz" autoritäre Maßnahmen verlangt, die
weit in die persönliche Freiheit des Menschen eingreifen müssen. Man denkt selten dran wie totalitär und diktatorisch hier Zwang ausgeübt werden müsste, um Menschen "auf Linie" zu bringen, denn durch bloße Freiwilligkeit werden entsprechende Maßnahmen nicht erreicht werden können. Ebenso gibt es "Apostel der Gerechtigkeit", die einen Ausgleich zwischen den reichen und den armen Staaten der Welt fordern. Auch hier müsste bei den reichen Ländern ein ganzes Repertoire an Zwangsmaßnahmen angewandt werden, um solches zu bewerstelligen.  Der Sirenengesang von "Gerechtigkeit", "Rettet den Planeten" und dergleichen ist sehr verführerisch. Allerdings, wenn die Proponenten dieser Ideen zu Ende denken würden, würden sie selbst von diesen Zielen ablassen, es sei denn sie stünden offen zu der Unmenschlichkeit und dem Faschismus, der zur Durchsetzung notwendig wäre. Es ist sehr leicht in Anbetracht der Übel auf der Welt auf vermeintliche "Bösewichte" (Reiche, Kapitalisten, Gierige etc.) zu zeigen und sie für das Übel verantwortlich zu machen. Wären doch nur die richtigen Leute, die "Guten" an der Macht, dann würde schon alles gut werden auf dieser Welt. So etwas zu sagen braucht nur Emotionen und Selbstherrlichkeit. Die Wahrheit ist jedoch sehr subtil und intuitiv nicht zu verstehen, wie überhaupt das meisten, was als das wahrhaft "Gute" gelten kann. InWahrheit sind es nämlich die "Guten", die durch ihre Maßnahmen das Böse schaffen und die "gierigen Bösen" sind jene, die das Gute hervorbringen - freilich ohne dies gewollt zu haben ("Ich bin die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft"). Wer wirklich eine bessere Welt will und die subtilen Zusammenhänge versteht, der muss auf die "Gierigen" setzen, denn es ist letztlich das Streben nach individuellen Vorteilen, das am Ende die bestmögliche Welt, mit den bekannten Mitteln, hervorbring. Letztlich trifft dies deshalb zu, weil Profite ein Indikator dafür sind, dass wir das Rechte tun, in einer Welt, die wir nicht vorhersagen können. Die Weltverbesserer machen stets den Fehler, dass sie glauben über die nötigen Informationen zu verfügen, um die Welt planen und damit steuern zu können. Dies ist jedoch eine bloße Anmaßung. Nachdem wir die Zukunft nicht kennen, nachdem niemand über die Informationen verfügen kann, die notwendig wären, um zu wissen welche Zukunft uns erwartet, sind freie Gesellschaften und freie Märkte der beste Weg mit der Ungewissheit der Zukunft bestmöglichst zurande zu kommen. Der Profit ist dabei der Kompass, der uns in die richtige Richtung lenkt, wenngleich wir das Ziel nicht kennen.


Einer der großen Mythen unserer Gesellschaft besteht darin zu glauben wir lebten in einer individualistischen Gemeinschaft, wobei der Individualismus meist als Synonym für "Egoistmus" verstanden wird, was freilich mit der wahren Bedeutung (das Unteilbare) nichts zu tun hat. Wir predigen in Wahrheit Individualismus und leben Kollektivismus. Dies kann man schon alleine daran sehen wie wenige Lebensmodelle es im Grunde in unserer, pluralistisch genannten, Gesellschaft gibt. Im großen und ganzen sind es nur ein oder zwei Handvoll von "Lifestyles", unter die sich der größte Teil der Gesellschaft subsumieren lässt. Der Hauptgrund für den Mangel an Individualismus ist heutzutage die öffentliche Meinung, die dazu noch allzu oft mit der veröffentlichten Meinung verwechstelt wird. Individualismus braucht Mut, um die Trennung von der Herde auszuhalten, an der daraus entstehenden Spannung zu wachsen und sich durch die "Hirten" der Herde (meist die Medien und das soziale Umfeld) nicht wieder zurück in den Mainstream treiben zu lassen. Freunde der Freiheit waren zu allen Zeiten selten und allzu oft wird unter Freiheit nicht die Abwesenheit von Zwang, sondern die Abwesenheit von Kosten verstanden, also auf Kosten anderer sich bereichern zu dürfen.



II. GRUNDLAGEN
Ein fataler Irrtum des 19. Jahrhunderts, der sich dann besonders im 20. Jahrhundert auswirkte, war die Einstellung gegen die menschliche Vernunft und das Bewusstsein. Der Mensch begann sich einzubilden, er selbst erschüfe seine Wahrheiten und sein Denken, so dass von einer universellen Logik des Menschen nicht mehr gesprochen werden konnte. Unter dem Einfluss, vor allem von Marx, wurde die Logik an die Klassenzugehörigkeit gebunden, so dass jede Klasse ihre eigene Art von Logik und Denken hatte und es keine universelle Vernunft mehr geben konnte. Wahrheiten an sich, vor allem moralischer Natur, unabhängig und verbindlich für alle Menschen wurden so als unmöglich angesehen. Dass diese Ansicht falsch ist und es eine conditio humana gibt, die allen Menschen gemeinsam ist und sich daraus sehr wohl eine Einheitlichkeit ergibt, konnte und wollte man lange Zeit nicht sehen (teilweise selbst heute noch).

Eine weitere Fehlannahme, die sich lange Zeit hielt und teilweise bis heute in den Köpfen fortbesteht, ist die Annahme es gäbe gewisse "Gesetze der Geschichte", historische Ereignisse wiederholten sich und träten mit auch Notwendigkeit ein. Daraus folgte die Ansicht, dass unter Kenntnis dieser Gesetze es möglich sei die Zukunft vorherzusagen. Dass dem nichts so ist und die Vorstellung solches Wissen zu besitzen eine Anmaßung darstellt, wollte und will vielen nicht in den Kopf, die von einer "besseren Welt" träumen, die noch immer glauben eine Gesellschaft planen zu können. Solche Ideen wurden sehr populär, weil sie ein Versprechen beinhalteten und vor allem für all jene, die unter den Übeln der Welt litten, Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab. Hier lag die Verführung, der Millionen, oft gut gesinnter Menschen, erlagen. Es war, was nicht zu verwundern ist, historisch gesehen vor allem das Proletariat, das sich für solche Ideen gewinnen ließ. Das kapitalistische System und das Bürgertum galten nicht nur als "Klassenfeind", sondern als zu überwinden. Der Kapitalismus hatte das Proletariat hervorgebracht, da er es ermöglichte die rasch wachsende Bevölkerung zu ernähren und den Arbeitern einen besseren Lebensstandard zu bieten, als einem einfachen Landarbeitern, aus denen sich die ersten Proletarier rekrutierten. Der Kapitalismus ermöglichte überhaupt erst das Überleben so vieler Menschen - in früheren Zeiten wären die Menschen einfach verhungert. In gewisser Weise sind die Proletarier die undankbaren Kinder des Kapitalismus, die sich zusammenschlossen, um ihre eigenen Schöpfer zu ermorden.

Bei den meisten Menschen sind die Emotionen stärker entwickelt als der Verstand. Dies ist nicht verwunderlich, denn bei der Entwicklung des Gehirns gehören die Bereiche, die für die Emotionen zuständig sind, zu einem älteren Erbe, als der gorße Neokortex, der hauptsächlich für das Denken zuständig ist. Ein großer Teil der Auseinandersetzungen zwischen den Menschen, aber auch der Konflikte innerhalb des einzelnen Menschen selbst, gehen auf den Kampf zwischen den Emotionen und dem Verstand (Bauch/Herz und Kopf) zurück. Was heißt dies nun etwa für den Vergleich zwischen Kollektivismus und Individualismus? Kollektivismus führt zu Tyrannei und Not; Individualismus führt zu Freiheit und Fülle. Kollektivismus ist ein emotionales, kein rationales Argument und damit falsch. Individualismus ist subtil, indirekt, sophistisch und damit richtig. Um dies zu begreifen bedarf es jedoch des Verstandes. Der primitive Instinkt hilft uns hier nicht weiter, er wird nur allzu leicht die Freiheit verneinen und sich in das unreife Stadium, den "Schoß" der Herde begeben und wie ein "ewiger Säugling" an der "Flasche" der Gemeinschaft hängen.


III. KOLLEKTIVISMUS, DER FEIND DER FREIHEIT
Die Planung einer Gesellschaft hört sich gut an, um die Probleme der Welt zu lösen, doch sie funktioniert nicht. Letztlich ist es nicht möglich eine Gesellschaft zu planen und die Versuche diesbezüglich sind in der Praxis auch alle gescheitert - vor allem deshalb, weil eine moderne Gesellschaft einen Komplexitätsgrad erreicht hat, der weder vollständig verstanden, noch gesteuert werden kann. Die Verwechslung der klassischen ständischen Gesellschaft mit der modernen pluralistischen Gesellschaft hat dies im Wesentlichen bewirkt. Die größte Gefahr, die von kollektivistischen und planerischen Ideen ausgeht, besteht nicht einmal darin, dass der Versuch der Planung tatsächlich unternommen wird, sondern in den Auswirkungen die solche Ideen auf den Geist auf das Bewusstsein der Menschen ausübt. Die Vorstellung man müsse planen, man müssen die Freiheiten des Individuums zurückdrängen, um ein kollektives Ziel zu erreichen, greift mit der Zeit auch bei jenen Personen um sich, die sich selbst nie offen zum Kollektivismus bekennen würden. Solche Ideen werden nämlich nur allzu leicht zur "Selbstverständlichkeit" über alle Parteigrenzen hinweg und gelten dann als "common sense". Doch in der Regel ist der "common sense" ein "common nonsense".


Worum es hier geht ist vor allem all das, was unter "Sozialimus" im weitesten Sinne verstanden wird und weit über die sozialistischen Parteien hinaus geht. Im Laufe der Zeit hat sich auch die Bedeutung von "Sozialismus" geändert. Verstand man früher darunter vor allem zentrale Planung und Verstaatlichung der nationalen Produktionsmittel, so wird unter "Sozialismus" heute vor allem massive Umverteilung durch Besteuerung und Wohlfahrtseinrichtungen verstanden. Unter Schlagworten wie "soziale Gerechtigkeit" wird die Freiheit des Menschen ausgebeutet und Partikularinteressen zu Lasten der anderen befördert. Die Gefahr auf die Hayek hingewiesen hat besteht darin, dass wenn man einmal begonnen hat diesen Weg der Planung und Umverteilung zu gehen man in letzter Konsequenz beim Totalitarismus landen muss. Hayek zeigt, dass es unmöglich ist freie Wahl des Individuums und individuelle Präferenzen in einer geplanten Gesellschaft aufrecht
zu erhalten. Das ist ein Irrtum, dem viele Sozialisten unterliegen! Eine Gesellschaft lässt sich letztlich nur steuern, wenn man alle Lebensbereiche erfasst, wenn alleMenschen "auf Linie" gebracht werden und die Ziele des einzelnen durch Zwang identisch mit jenen des Kollektivs gemacht werden.

Was für viele Menschen schwer zu schlucken ist, ist die Tatsache, dass Sozialismus, Kommunismus und Nationalsozialismus keine Gegensätze sind, sondern alle Abkömmlinge der gleichen Grundannahmen. Alle stehen sie auf dem Boden der Planung und der Kontrolle der Gesellschaft. Alle lehnen sie den Kapitalismus ab, stellen sich gegen das Gewinn-suchende Individuum, große Konzerne, Banken, die internationale Hochfinanz und die "Zinssklaverei". Nationalsozialismus und Kommunismus sind die logischen Folgen sozialistischer Ideen und des Kollektivismus und eben keine Gegenstätze zum Sozialismus. Sie alle sind unter anderem Schüler von Marx. Die geistesgeschichtliche Tragödie besteht gerade darin, dass sowohl Sozalismus, Kommunismus, als auch das NS-System, gegen die kulturellen Werte des Westen gerichtet sind, sie sind Feinde der Renaissance, des Humanismus, der umfassenden Aufklärung und all der Werte der Zivilisation, die über Jahrhunderte in Europa herangereift sind. Man darf sich auch nicht über Kompromisse hinwegtäuschen lassen, die diese Systeme mit der (alten) Kultur machen mussten, um zu bestehen. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht waren bestimmte Abweichungen vom ursprünglichen Programm dieser totalitären Richtungen notwendig. So strichen die Nazis de facto etwa jenen Punkt in ihrem Parteiprogramm, der sich gegen die "Zinsherrschaft" richtete (der maßgebliche Ideologe dahinter, Gottfried Feder, spielte bald keine Rolle mehr in der Partei).


Intellektuell sind die Voraussetzungen des Sozialismus falsch. An dieser Einsicht führt nichts vorbei, wenn man die Dinge zu Ende denkt.


IV. WAS IST NOTWENDIG?
Um uns weiter zu entwickeln, müssen wir uns vor allem von dem Glauben befreien, dass die Dinge der Vergangenheit notwendigerweise so gewesen sind, wie sie waren und dass es nicht auch anders hätte sein können. Wenn wir an einer besseren Welt arbeiten wollen, müssen wir auch den Mut haben in einigen Bereichen neu zu starten. Nicht an eine "neue Ordnung" müssen wir glauben, sondern mutig jene Ideale verwirklichen, von denen wir im 19. Jahrhundert abgekommen sind. Die Katastrophen des  20. Jahrhunderts gehen ja ganz wesentlich darauf zurück, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr von den klassischen westlichen Ideal abgerückt wurde und Ideen Einzug gehalten haben, die sich ganz vehement gegen diese Tradition richteten. Vor allem auf dem europäischen Kontinet und gerade hier wiederum in Deutschland ab Bismarck zeigten sich Entwicklungen, die westlichen Werten entgegengesetzt waren (z.B. der "Sündenfall" der deutschen Liberalen das Demokratische zugunsten des Nationalen aufzugeben). England war neben kleinen Staaten wie der Schweiz oder den Niederlanden, das einzige Bollwerk der abendländischen Kultur geblieben, wenngleich es auch hier Bewunderer des Kontinets gab und diesem nachgeeifert hatten.

Wir müssen uns fragen wie man eine freie Gesellschaft bewahrt. Woran müssen wir und dabei orientieren? Was es braucht ist ein Set von klaren Prinzipien, die es uns ermöglichen zwischen einem Feld legitimer und einem Feld illegitimer Eingriffe des Staates zu unterscheiden (J. St. Mill etwa hält Zwang nur dort für erlaubt, wo es sich um Notwehr handelt - alle andere Handlungen von Individuen müssen zulässig sein). Dazu muss die Sphäre der individuellen Aktivitäten festgelegt werden, der Staat muss mit einem Zwangsmonopol ausgestattet sein und dieses Monopol muss durch die Rechtsstaatlichkeit eingeschränkt werden. Der Gegensatz von Planung ist nicht "Laissez-faire", sondern die Rechtsstaatlichkeit.

Dinge wie "Vollbeschäftigung" und "soziale Sicherheit" können nur erreicht werden, wenn in einer Gesellschaft die individuellen Kräfte freigelassen werden, so dass sie zur vollen Entfaltung gelangen können. In einer geplaten Gesellschaft bleibt kein Platz für individuelle Ambitionen; wenn das Streben des einzelnen mit jenem dem Kollektivs kollidiert, dann muss in einer solchen Gesellschaft der einzelne weichen. Individualismus benötigt eine individualistische Gesellschaft. Freie Märkte sind der einzige Mechanismus, den wir gefunden haben, in dem partizipatorische Demokratie möglich ist. Mitbestimmung gibt es nur wenn freie Marktwirtschaft herrscht. Die einzige mögliche Politik um eine bessere Welt zu schaffen ist eine, die sich am Zentralprinzip der individuellen Freiheit orientiert! Sie ist die einzige wahre Fortschrittspoltik, die möglich ist. Die Freiheit muss stets aufs Neue gewonnen werden, doch für sie zu kämpfen ist es allmal wert. Friedrich August von Hayek war ein großer Käpfer für die Freiheit.

Dienstag, 17. Juni 2014

Hayek - "Der Weg zur Knechtschaft" - Vorwort


Mit dieser Woche startet auf dieser Seite die intensive Beschäftigung mit dem vom großen österreichisch Ökonomen Friedrich August von Hayek verfassten, bahnbrechenden Buch, "Der Weg zur Knechtschaft" (engl. Original: "The Road to Serfdom"). Mit diesem 1944 erschienenen Werk erreicht Hayeks lebenslange Auseinandersetzung mit dem Sozialismus, dem Kollektivismus und dem Totalitarismus einen ersten Höhepunkt, dem in den kommenden Jahrzehnten viele weitere folgten. Brilliant schildert Hayek den gemeinsamen geistig-kulturellen Ursprung von Sozialismus, Kommunismus und Nationalsozialismus und räumt mit dem Mythos auf, dass es sich beim Nationalsozialismus um eine dem Sozialismus/Kommunismus entgegengesetzte Strömung handle. In Wahrheit sind diese drei allesamt Ströme aus  der selben Quelle, die in Deutschland und Italien schneller als anderswo und konsequenter ihre volle Stärke erreichten und die sich alle durch die Feindschaft gegenüber der individuellen Freiheit auszeichnen. Der Sozialismus ist ebenso wie der Nationalsozialismus gegen die Werte und die Kultur des Westens gerichtet und stellt eine Gegenbewegung zur Aufklärung und zum Humanismus dar - kurz: es ist nicht übertrieben ihn als Anti-Renaissance zu bezeichnen.

Es ist erstaunlich, was man über Ideen, die als ganz logisch und selbstverständlich angesehen werden, herausfinden kann, wenn man ihren Stammbaum zurückverfolgt, wusste schon Lord Acton im 19. Jahrhundert. Hayek weist in "Der Weg zur Knechtschaft" auf die Gefahren hin, die mit der Abkehr von der Freiheit verbunden sind, mit dem Abrücken vom klassischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, der lange Zeit von Großbritannien ausgehend großen Einfluss auf die Welt ausgeübt hatte. Es war der Liberalismus dem wir die Menschenrecht und die Rechtsstaatlichkeit zu verdanken haben, der das Individuum ehrt und ihm die freie Entfaltung seiner selbst ermöglicht. Der Liberalismus steht auch auf dem unverbrüchlichen Standpunkt, dass der Mensch niemals als Mittel für die Interessen eines anderen (auch des Staates nicht) eingesetzt werden darf, sowie dass jeder einzelne stets als Individuum um niemals  als Teil einer Gruppe behandelt werden darf. Denken wir nur daran, wie sehr in unserer heutigen Gesellschaft im 21. Jahrhundert noch immer dagegen verstoßen wird!  Quotenregelungen, Bevorzugungen bestimmter Gruppen gegenüber anderen mögen hier als abschreckende Beispiele der Inhumanität dienen.

Wir dürfen niemals vergessen, dass der Staat kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel zur Wahrung der Freiheit des Individuums; der Staat darf nicht herrschen, er hat dem Menschen lediglich zu dienen, er ist Mittel und kein Zweck. Als einziger Zweck darf nur der Mensch, und zwar der Mensch als Individuum, gelten. Daraus folgt logisch auch, dass der Staat nicht sakrosankt sein darf, sondern dass auch die Möglichkeit seiner völligen Abschaffung bestehen muss, sofern die Menschheit oder eine bestimmte Gesellschaft ein besseres Mittel zur Erfüllung der Aufgaben des Staates findet.


Als "Der Weg zur Knechtschaft" 1944 in England erschien, war der Ruf nach Staatsinterventionen in Wirtschaft und Gesellschaft modern geworden. Was bis zu den 30er-Jahren undenkbar gewesen war, wurde nun von der Politik verlangt und Politiker aller Couleurs (bis auf einige Liberale) sahen es als notwendig an, dass die Wirtschaft und auch die Gesellschaft "geplant" werden müssten. Diese sozialistischen Ideen wurden auch von vielen vertreten, die sich nie als Sozialisten bezeichnet hätten. Hayek sah diese Gefahr und wies darauf hin, weshalb er sein Buch auch den "Sozialisten aller Parteien" widmete. Heute, genau 70 Jahre später, befinden wir uns wieder in einer kritischen gesellschaftlichen Situation, in der offen oder unterschwellig wieder viele Forderungen gestellt werden, die damals bereits aktuell waren. So wird auch heute generell nach mehr Staat und Regulierung gerufen - wieder von Politikern fast aller Parteien. Es scheint wieder völlig logisch zu sein, dass der Staat stärker in das Leben eingreifen müssen und wie immer wird dies mit den Schlagworten "Gerechtigkeit", "sozialer Ausgleich" und dergleichten rationalisiert. Hinzu kommen noch die Idealisten, die scheinbar so noble Ziele vertreten wie den Planeten zu retten, die Armut zu beseitigen und ganz allgemein eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Freilich vergessen sie dabei welchen Zwang dabei auf die Menschen ausgeübt werden muss, die diese Ziele persönlich nicht teilen. Wieder gilt, wie schon in den 40ern, dass diejenigen die solche Ziele anstreben sie nie anstreben würden, wenn sie in vollem Ausmaße begriffen welche Maßnahmen dazu umzusetzen wären! Das größte Problem dabei ist heute wie damals der Verlust der Freiheit. 

Freiheit bedeutet ja in Wahrheit die Abwesenheit von Zwang und nicht, dass man von der Tragung von Kosten befreit wird. Wer unter Freiheit "Freibier" oder "freie Versorgung für alle" versteht, der meint damit nicht Freiheit, sondern Ausbeutung anderer. Diese "Wohltäter" tun genau das, was sie den scheinbar so gierigen Kapitalisten (besonders Bankern, Spekulanten, Konzernen etc.) vorwerfen - sich auf Kosten anderer zu bereichern. Es ist das alte "Robin-Hood-Verbrechen" jenen zu nehmen die etwas haben und es jenen zu geben die nichts haben - die Ausbeutung der Besitzenden durch die Nichtbesitzenden.  Eines fürfen wir nie vergessen: es gibt auf dieser Welt nichts umsonst und wenn jemand für eine Leistung nichts bezahlen muss, dann tut es eben ein anderer und wenn dieser nicht freiwillig zustimmt, dann muss er dazu gezwungen werden! Die logischen Folgen einer geplaten Gesellschaft ist immer der Totalitarismus - auch solche Dinge, wie den "Schutz des Planeten" wird man nicht ohne Zwangsmaßnahmen in das Leben der Menschen durchführen können. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Maßnahmen sehr total sein werden müssen. Freilich wird dann mit "Notwendigkeiten", dem "Guten" oder "der lebenswerten Welt für unsere Kinder und Enkel" argumentiert werden. Doch lassen wir uns davon nicht täuschen. Dies alles ist nichts anderes, als ein Angriff auf die Freiheit des Individuums! Der Zweck heiligt niemals die Mittel. Ein edles Ziel kann niemals edel sein, wenn man dazu Zwangsmaßnahmen anweden muss, wenn man dazu die Freiheit des Einzelnen einschränken muss! Nach Zwang zu schreien stimmt mit den primitiven Emotionen des Menschen zusammen, die aus der Steinzeit stammen. In der heutigen moderen, komplexen Welt können uns diese Emotionen über einen kleinen sozialen Rahmen hinaus keine Dienste mehr leisten, hier sind ausschließlich Verstand, vernetztes Denken und subtiles und sophistisches Verstehen von Nutzen.

Niemals darf vergessen werden: Die Freiheit ist kein Mittel, sondern sie ist Selbstzweck - der höchste Selbstzweck überhaupt, denn sie ist der Kern der menschlichen Natur selbst. Die Freiheit darf niemals durch ein Ideal, wie edel es auch sein mag, beschnitten werden, vor ihr muss alles andere weichen.

In den kommenden Wochen werden hier die 15 Kapitel von Hayeks Buch zusammengefasst und einzeln erläutert werden, beginnend mit Kapitel 1 noch diese Woche. Im Abstand
von etwa ein bis zwei Wochen folgen dann jeweils die folgenden Kapitel in der Reihenfolge, wie sie sich auch in Hayek's Werk finden.

Euer Sokrates.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Die ungezügelten Zungen


xDes Menschen Zunge kann ein wahres Ungeheuer sein, vor allem in stark emotionalisiertem Zustand. Nur allzu leicht gibt einer Preis,was nie über die Lippen hätte kommen sollen. In der Welt der Macht ist Selbstkontrolle und damit auch die Kontrolle der eigenen Worte essentiell. Wie oft verlor ein aufstrebender Hoffnungsträger alles, weil eine einzige falsche Äußerung in die Welt drang?! Auf der anderen Seite machte mancher Karriere, weil er nie seine wahren Gedanken preisgab. Was in der menschlichen Kultur seit jeher galt, gilt in unserer Zeit umso mehr. Zensur herrscht auch bei uns seit eh und je und je mehr die Welt vom Konkreten zum Abstrakten sich wandelt, desto häufiger und wirksamer wurden auch die Täuschungen, denn mit Worten zu täuschen ist ein Leichtes, umso weniger die Taten Beachtung finden - je mehr dem Wort gefolgt wird, weil es mir der Realität verwechselt wird, umso mehr hängen Erfolg und Misserfolg von der Beherrschung der Sprache ab. Dies ist in der Geschichte der Menschheit wohl noch nie so weit gekommen, wie in unserer Zeit. Wer die Sprache beherrscht, für den leben wir in goldenen Zeiten, wer nicht weiß welche Sprache bei seinen Mitmenschen angemessen ist, der findet sich heutzutage auf verlorenem Posten wieder.

I. DAS "OPFER" DER TUGENDHERRSCHAFT
Lange schon war er vielen ein Dorn im Auge gewesen. Streitbar, vor allem im eigenen Printmedium "Zur Zeit" und auf seiner Internetseite, bildete er ein Bollwerk gegen den modernen Mainstream, gegen die "linke Jagdgesellschaft" und gegen den überall um sich greifenden Sittenverfall, so wie er ihn wahrnahm: Andreas Mölzer, langgedientes Mitglied der Freiheitlichen Partei Österreichs und Abgeordneter zum Europäischen Parlament. Im Jahr 2014, einige Monate vor der EU-Wahl, die am 25. Mai stattfand, schossen sich die (anderen) Medien auf ihn ein: Mölzer hatte die EU als "Negerkonglomerat" bezeichnet und das in einer öffentlichen Politdiskussion. Plötzlich tauchten Artikel auf, die Mölzer bereits vor Jahren geschrieben hatte, die als fremdenfeindlich und rassistisch dargestellt wurden. So soll Mölzer etwa den österreichischen Nationalspieler schwarzafrikanischer Herkunft, den Fußballer David Alaba, als "kohlrabenschwarzen" Österreicher bezeichnet haben. Nun war das Fass offensichtich zum Überlaufen gebracht worden und nach einer Unterredung Mölzers mit seinem Parteichef Heinz Christian Srache, trat Mölzer als Spitzenkandidat der FPÖ für die EU-Wahl zurück und zog sich sogar aus der Politik ganz zurück, um sich völlig dem Jounalismus zu widmen. Er bezeichnete sich als Opfer, bereute nichts und gab an zum Schutze der Partei zurückzutreten, er selbst habe sich nichts vorzuwerfen.

II. INTERPRETATION
Jede Gesellschaft kennt einen Mainstream, eine "Bahn" mit strickten Grenzen dessen, was als akzeptabel gilt - alles war außerhalb davon liegt wird zensuriert, um den Abtrünnigen zur "Herde" zurückzuführen. Freilich ist dieser Spielraum je nach Gesellschaft größer oder kleiner, jedoch gibt es keine Gesellschaft, die dem einzelnen völlige Freiheit einräumen würde, alles zu meinen und alles zu äußern. Künstler und Personen, die über Macht, Ansehen oder ein gewisses Charisma verfügen, haben dabei einen größeren Spielraum, als der durchschnittliche Bürger, doch auch diese Personen unterliegen noch gewissen Grenzen. Zu glauben man könne sich in der Öffentlichkeit auf jedmögliche Art benehmen, ist naiv. Wer gegen diesen Grundsatz verstößt beweist damit ein Unverständnis der Funktionsweise der menschlichen Gesellschaft oder bloße Sturheit, die in der Regel nichts anderes ist, als eine Form von Arroganz oder Unhöflichkeit. Authentizität ist eine gute Sache aber nur insofern, als sie keine Verletzung der anderen darstellt. Mölzer hatte eindeutig hiergegen verstoßen und mehr als seine Wortwahl ist die Art und Weise wie er seine Aussagen dargestellt hatte negativ aufgefallen. Dies hatte ihn letztlich sein Amt gekostet. In der Politik dienen Worte dazu Taten zu verschleiern oder zu beschönigen, wer Worte dazu verwendet seiner Gereiztheit Luft zu machen, der muss die Konsequenzen dafür tragen.

Wichtig ist hier auch anzumerken, dass nicht so sehr der Inhalt von Worten den Effekt bei anderen aulöst, sondern vielmehr die Art und Weise, wie diese geäußert werden. Eine Aussage wird kaum einmal neutral aufgefasst, sie wird immer in einen Kontext gesetzt und diesen Kontext zu beherrschen ist ein wesentliches Element der Macht. Ebenso sind es nur sieben Prozent (!) der Wirkung von Worten, die sich aus dem Inhalt ergeben, 56 Prozent des Effekts macht die Körpersprache und 37 Prozent der Tonfall, Sprechtempo und dergleichen aus. Wer diese Fakten übersieht, braucht sich über den fehlgeschlagenen Effekt seiner Worte nicht zu wundern. Gerade Intellektuelle neigen dazu den Inhalt überzubewerten und sind überrascht, dass die Menschen scheinbar so ignorant sind und nicht hören wollen.

Zwei weitere Beispiele für öffentliche Äußerungen aus der jüngsten Vergangenheit, die sehr unklug gemacht wurden, waren jene von Angelika Mlinar und Fritz Amann. Mlinar war die Spitzenkandidatin der NEOS für die EU-Wahl 2014 in Österreich. Sie sprach sich offen für die Abschaffung der Bundesländer aus und für die "Vereinigten Staaten von Europa". Wer die Zustimmung zu den Bundesländern in Österreich kennt, vor allem im Westen, konnte sich nur an den Kopf greifen, wie jemand, der um ein politisches Amt kandidiert solches öffentlich äußern konnte. Fritz Amann, der Vizepräsident der Wirtschaftskammer, musste im Mai 2014 zurücktreten nachdem er die vielen Einpersonenunternehmen (EPUs), die einen Großteil der Unternehmen in Österreich ausmachen, als "Tagelöhner" bezeichnete. Er wies damit auf die prekäre finanzielle Situation vieler solcher Unternehmen hin. So recht er in der Sache in vielen Fällen auch hatte, durch seine Wortwahl
und die Verallgemeinerung wurde er zum Bösewicht abgestempelt, denn die Aussage wurde als Beleidigung einer ganzen Berufsgruppe aufgefasst. Noch ist die Gesellschaft und die Menschheit als ganzes nicht reif genug, um dem Individuum so weit zu vertrauen, dass keine seiner Gedanken und Worte mehr eingeschränkt und/oder mit Sanktionen versehen wird. Es bleibt zu hoffen, dass mit einem höheren Reifegrad hier eine größere Gelassenheit eintritt und anstelle des Misstrauens das Vertrauen in das Individuum und seine Fähigkeiten Platz greift.

III. LEHREN
* Denken kann man, was man will, doch in der Öffentlichkeit sollte man wie die Mehrheit, bzw. die anderen, sprechen. Auf dem Marktplatz

benimmt und spricht auch der Weise wie der gewöhnliche Mensch.
* Seine wahre Meinung zu verbergen ist ein Zeichen großer Klugheit.

* Wer seine Zunge nicht zügeln kann, wer seine Gefühle nicht beherrschen kann, wird im Kampf um die Macht nicht den Sieg davontragen, sondern untergehen.

* In der Politik kommt alles darauf an akzeptable Erklärungen für seine Handlungen zu finden, dann kann man fast alles tun.

* In der Politik dienen Worte zur Verschleierung und Tarnung von Maßnahmen. Worte werden für realer gehalten als die Taten. Deshalb funktioniert Politik genau in der Form, wie wir sie in vielen Teilen der Welt heute sehen und erleben.

Montag, 2. Juni 2014

MANIFEST DER FREIHEIT

I. GRUNDSÄTZLICHES


Artikel 1
Die Freiheit ist der höchste aller Werte; sie geht jedem anderen Wert, auch jenem der Demokratie, vor. Nichts ist wichtiger als der Mensch und zwar der Mensch als Individuum.

Artikel 2
Freiheit ist der stärkste Wunsch des Menschen. Sie ermöglicht überhaupt erst die Moral.


Artikel 3
Die größte Freiheit von allen ist es in Ruhe gelassen zu werden. Dieses In-Ruhe-Gelassen-Werden ist unbedingt zu schützen. Staat und Gesellschaft haben sind primär an diesem Grundsatz zu orientieren.
 
Artikel 4
Der Verzicht auf die Freiheit ist unzulässig. Der Verzicht auf die Grundrechte ist unzulässig.


Artikel 5
Jeder Mensch ist als Individuum und nicht als Teil einer Gruppe zu behandeln. Quoten, Verallgemeinerungen und dergleichen sind unzulässig.

Artikel 6
die Freiheit des Individuums ist derart wichtig, dass sie auch über der Mehrheitsbeschlüsse, dem Staat und dem Individuen selbst steht.

Artikel 7
Jeder Mensch ist frei nach seinem Gewissen zu handeln, niemand darf diesbezüglich behindert werden.

Artikel 8
Jede Meinungsäußerung, egal welchen Inhalts, auch die empörenden und unerträglichen Meinungen, müssen vollumfänglich zulässig sein. Die einzige Ausnahme bilden Meinungsäußerungen die unmittelbar Gewalt gegen eine Person, Personengruppe oder Organisationen zum Ziel haben. Die Meinungsfreiheit ist Ausgangspunkt aller Freiheit und deshalb besonders zu schützen und zu achten.


Artikel 9
Die Würde des Menschen ist unveräußerbar und unteilbar. Niemand kann ihrer verlustig werden.


Artikel 10
Das Schicksal des Menschen wird von drei Faktoren bestimmt: Genetische Grundausstattung, Erziehung und Kultur, sowie dem freien, autonomen Selbst. Das autonome Selbst ist vor der Gesellschaft und dem Staat zu schützen. Die genannten drei Faktoren bilden die Grundlage für die Unterschiedlichkeit der Menschen untereinander. Diese Unterschiedlichkeit ist zu begrüßen und alle Versuche der Nivellierung und Vereinheitlichung der Menschen, welcher Art auch immer, sind abzulehnen.

Artikel 11
Die Gleichheit der Menschen besteht in der Gleichheit vor dem Gesetz und der Gleichheit an menschlicher Würde. Jede weitere durch Staat oder Gesellschaft anzustrebende Gleichheit ist eine Verletzung der Einzigartigkeit des Menschen und deshalb unzulässig. Die Lösung der Probleme der Welt und des Menschen liegen im Menschen selbst, von ihm hängt alles ab. 

Atikel 12
Das Vertrauen in den Menschen und seine Kräfte ist Grundvoraussetzung für Moral, Glück und Freiheit. Deshalb sind pessimistische und gegen den Menschen gerichtete Anschauungen schädlich.

Artikel 13
Die Fähigkeit des Menschen eingenständig zu denken ist die Quelle allen Fortschritts und des persönlichen Glücks. Behinderungen dieses Denkens sind unzulässig.

Artikel 14
Das menschliche Leben genießt absoluten Schutz. Die Todesstrafe, sowie die Verhinderung menschlichen Lebens sowohl vor als auch nach der Geburt ist unzulässig.

Artikel 15
Über die privaten Angelegenheiten weiß niemand besser Bescheid als das Individuum selbst; deshalb ist es in all seinen privaten Angelegenheiten autonom und niemandem gegenüber verantwortlich.

Artikel 16
Selbstverantwortung und Mündigkeit sind die Fundamente einer starken Bürgergesellschaft. Nur durch sie, nicht durch Abhängigkeiten irgendwelcher Art, kann ein prosperierendes Gemeinwesen erlangt werden.

Artikel 17
Das Heil liegt weder im Staat, noch in der Gesellschaft, sondern ausschließlich in der endgültigen Entfaltung des Einzelnen als vollmenschliches Wesen.

Artikel 18
Der Mensch verfügt über Selbstregulierungskräfte, die nur in völliger Freiheit zur endgültigen Blüte gelangen können. Der Mensch braucht weder staatliche Bevormundung noch den Zusammenschluss mit anderen, um dies zu erreichen.

Artikel 19
Die Freiheit ist keine Ideologie, sondern der Kern der menschlichen Natur selbst. Deshalb ist die Unterdrückung der Freiheit gleichbedeutend mit der Unterdrückung des Menschseins.

Artikel 20
Jede andere nicht schädigende Tätigkeit und Handlung, welcher Art auch immer, ist zulässig. Wer Schädigung behauptet, hat diese zu beweisen, andernfalls ist ihre Anerkennung abzulehnen. Eine Beweislastumkehr ist ausgeschlossen.

Artikel 21
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Darunter ist der individuelle, nicht der kollektive Wille zu verstehen.


II. EIGENTUM & STEUERN


Artikel 22
Das Privateigentum ist die Grundlage der individuellen Freiheit. Seine Einschräkung ist grundsätzlich unzulässig.

Artikel 23
Freiheit bedarf eines gewissen materiellen Wohlstandsniveaus, um schlagend zu werden. Die Erreichung dieses Niveaus obliegt dem einzelnen. Der Staat und die Gesellschaft haben das Individuum in keiner Weise in seinem Glücksstreben, auch in dessen materiellen Aspekten, zu behindern. Das Streben nach Reichtum und Glück ist zu fördern und alles zu unterlassen, was dem Erwerb von Vermögen hinderlich ist.

Artikel 24
Steuern habe die ausschließliche Aufgabe dem Staat Einnahmen zu verschaffen. Eine weitere Funktion von Steuern und Abgaben, wie etwas Steuer- und Lenkungseffekte, sind unzulässig.

Artikel 25
Steuern, die den Bestand von Vermögen schmälern sind unzulässig. Lediglich auf Vermögenszuwächse dürfen Steuern erhoben werden.

Artikel 26
Die Erbschafts- und Schenkungssteuer ist unzulässig.



III. GESELLSCHAFT


Artikel 27
Ein jeder Mensch ist anderen nur insofern verantwortlich, als in deren Lebensbereich eingegriffen wird. Über sich selbst, in all seinen Bereichen, sowie über all sein Vermögen herrscht das Individuum uneingeschränkt.

Artikel 28
Zentraler Wert der Gesellschaft hat stets die Freiheit des Individuums zu sein. Diese Freiheit steht auch über dem Bestand der Gesellschaft selbst.

Artikel 29
Die verpflichtende Mitgliedschaft in Organisationen und Verbänden aller Art (öffentlicher oder privater Natur) ist unzulässig. Niemand darf gezwungen werden in Kammern, Berufsverbänden und dergleichen Mitglied zu sein.

Artikel 30
Der Mensch soll zwar ermutigt werden zum Gemeinwohl beizutragen, ein Zwang diesbezüglich ist jedoch unzulässig. Regelungen, die den einzelnen gegen seinen Willen einem Kollektiv, und sei es auch zu dessen Nutzen, unterwerfen, sind unzulässig. Dasselbe gilt für Organisationen aller Art.

Artikel 31
Der einzelne ist sowohl vor dem Staat, als auch vor der Gesellschaft, insbesondere vor der öffentlichen Meinung, zu schützen. Es muss Sorge dafür getragen werden, dass die öffentliche Meinung nicht ohne den freien Willen des Individuums Einfluss auf dessen Schicksal und Leben nimmt.

Artikel 32
Die ideal Gesellschaft ist jene, in der das Ausmaß der Freiheit jedes einzelnen Individuums jenem eines absolutistischen Herrschers entspricht.

Artikel 33
Die ideale Gesellschaft ist eine in der gegen niemanden Herrschaft ausgeübt werden kann. Willensbeugung aller Art ist unzulässig. Niemand darf über einen anderen, gegen dessen Willen, Herrschaft ausüben. Selbst wenn die Zustimmung zur Herrschaft durch einen anderen vom einzelnen gegeben wird, hat das beherrschte Individuum jederzeit und ohne Angabe von Gründen die Möglichkeit seine Zustimmung zu entziehen. Verträge, die anderes bestimmen sind ungültig. Institutionalisierte Herrschaft ist unzulässig.



 IV. STAAT


Artikel 34
Der beste Staat ist jener, der das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl an Menschen ermöglicht. Die Verantwortung für das Glück trägt der einzelne. Dem Staat kommt nur insofern eine Verantwortung diesbezüglich zu, als er das Streben nach Glück und Reichtum nicht behindert oder gar verunmöglicht.

Artikel 35
Die Funktion des Staates besteht ausschließlich im Dienst am Bürger, nicht in der Herrschaft über diesen (weder direkt noch indirekt).

Artikel 36
Der Endzweck des Staates besteht in seiner Überwindung und Abschaffung durch die Gemeinschaft freier Bürger.


Artikel 37
Der Staat ist ein notwenidiges Übel, das im jetzigen Stadium der Gesellschaft und Menschheitsentwicklung noch notwendig ist. Langfristig ist eine freie Gesellschaft mündiger Bürger anzustreben, die den Staat überwindet.

Artikel 38
Das Recht des Staates und der Gesellschaft Herrschaft auszuüben ist jedenfalls ein Unrecht. Der demokratische Rechtsstaat hat kein besseres Recht diesbezüglich als die Despotie oder die Tyrannei. Die Herrschaft von Staat und Gesellschaft über den einzelnen ist unzulässig (lediglich als temporärer Übelzustand zu dulden).Niemand darf irgendjemandem vorschreiben, wie er zu laben hat, kein Individuum, keine Gruppe, keine Organisation, die Gesellschaft als ganzes und auch der Staat nicht.

Artikel 39
Rechtsstaatlichkeit ist besser als Willkürherrschaft, doch auch sie ist ein Unrecht in Anbetracht der menschlichen Natur. Keine Art Fremdherrschaft kann je als gutes Recht betrachtet werden. Die einzige legitime Herrschaft ist die Herrschaft des Individuums über sich selbst. Jede Art von Zwang, der auf einen anderen gerichtet wird, ist Unrecht, auch wenn er auf Grundlage von Gesetzen erfolgt. Die ausschließliche Selbstherrschaft und die völlige Beseitigung von nicht individuell gewünschter Fremdherrschaft, ist die einzige Möglichkeit der vollständigen Entfaltung der menschlichen Natur. Der Rechtspositivismus muss überwunden werden.

Artikel 40
Der Staat ist Richtlinien- und Rahmengeber, jedoch weder aktiver Gesellschafts- noch Wirtschaftsgestalter. Es ist unzulässig, dass der Staat als Wirtschafts- und Gesellschaftsmacher auftritt.

Artikel 41
Den Staat nötig zu haben ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Der Staat ist eine Übergangslösung bis zur endgültigen Vervollkommnung der Menschheit. Er ist jedoch in jedem Fall so lange ein Übel und nicht als Heil zu betrachten.

Artikel 42
Die Gesamtsumme aller direkten und indirekten (z.B. durch Auslagerungen in Gesellschaften) staatlichen Verbindlichkeiten darf ein Drittel des jährichen Volkseinkommens nicht überschreiten.

Artikel 43
Der Staat hat für eine Grundversorgung der Bürger Sorge zu tragen. Dabei darf jedoch die Eigeninitiative nicht behindert werden.

Artikel 44
Die Überwachung der Bürger, insbesondere im privaten Leben, ist unzulässig.


Artikel 45
Der Staat hat sich weltanschaulich völlig neutral zu verhalten und in keinem Fall eine Gruppe im Zugang zur Gesellschaft zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Unzulässig ist es auch irgendeine Gruppe vom gesellschaftlichen Disput auszuschießen (eine Vorselektion zu treffen).


V. ERZIEHUNG


Artikel 45
Die Erziehung und Ausbildung von Kindern ist Privatsache. Das Schulsystem hat privat organisiert zu sein und die freie Wahl unter den Anbietern darf niemandem verwehrt oder eingeschränkt werden. Die Schulpflicht besteht in neun Jahren Ausbildung. Zum Zweck der Finanzierung sollen Gutscheine (Voucher) des Staates an die Schulpflichtigen vergeben. Die Einlösung dieser Gutscheine obliegt alleine den Schulpflichtigen. Das Höhere Schulwesen, sowie das Universitätswesen sind analog dazu zu organisieren.

Artikel 46
Bildung gilt als zentrale Aufgabe der Gesellschaft. Um einseitige Beeinflussung zu verhindern und die Individualität zu fördern sind die Lerninhalte, über ein gewisses Mindestmaß an allgemeinem Standard hinaus von den Schulbetreibern frei anzubieten. Niemand darf gezwungen werden Lerninhalte, die seiner Weltanschauung, seinem Glauben oder sonstigen Vorstellungen widersprechen anzunehmen. Die Förderung der Bildung bezieht sich auf alle Lebensalter gleichermaßen.


VI. WIRTSCHAFT


Artikel 47
Wirtschaft ist grundsätzlich Privatangelegenheit. Alle über die absolute Daseinsvorsorge hinausgehende wirtschaftliche Tätigkeit des Staates ist unzulässig. Auch die Beteiligung an privaten Unternehmungen ist dem Staat untersagt.

Artikel 48
Die Produktivität ist die Quelle allen Wohlstandes. Es sind alle Maßnahmen zu unterlassen, die die Produktivität behindern. Auf der anderen Seite ist die Produktivität in jeder Weise zu fördern. Im 21. Jahrhundert betrifft dies vor allem die Steigerung der Produktivität der Geistesarbeiter/Wissensarbeiter (siehe Peter Drucker).

Artikel 49
In die Mechanismen des Marktes und der Wirtschaft hat der Staat grundsätzlich nicht einzugreifen. Einschränkungen sind nur dort zulässig, wo der Wettbewerb behindert wird oder die Macht des einzelnen Wirtschaftssubjektes das Aufkommen von Mitbewerbern de factor verunmöglicht.

Artikel 50
Neben der Produktivität ist vor allem die Innovationsfähigkeit zu fördern.


Artikel 51
Der Staat ist unfähig die kurzfristige Entwicklung der Wirtschaft zu steuern (das "Wetter"); seine Aufgabe besteht deshalb lediglich darin für langfristiges Wachstum zu sorgen (das "Klima").


VII. WISSENSCHAFT & FORSCHUNG


Artikel 52
Wissenschaft und Technik sind die Quellen der Naturbeherrschung und damit der stetigen Verbesserung des menschlichen Lebens. Deshalb hat die Gesellschaft große Anstrengungen jeder Art in diesem Bereich zu unternehmen. Um die Natur zu beherrschen, muss man ihren Gesetzen folgen,
ihre Wirkungsweisen verstehen und zu diese unseren Gunsten zu nutzen lernen. Diese Bestrebungen dürfen in keinem Bereich behindert werden.

Artikel 53
Wissenschaft und Forschung, nicht Aktionismus, Polikantentum und dergleichen, sind die Schlüssel zu einer intakten Umwelt und einem dauerhaft lebenswerten Leben, auch für unsere Nachkommen. Umweltschutz ist deshalb in erster Linie Angelegenheit der Wissenschaft.

Artikel 54
Die Einschränkung von Wissenschaft und Technik, egal welcher Art, ist unzulässig.



VIII. FRIEDEN
Artikel 55
Die Gesellschaft hat sich der Vermeidung von Krieg zu verpflichten. Frieden ist eine zentrale Voraussetzung für die individuelle Freiheit.


Stand: 2. Juni 2014

Dienstag, 27. Mai 2014

Produktivität - Basis allen Wohlstandes

xÜber den größten Teil der dokumentierten Geschichte der Menschheit hinweg war es ausgemachte Sache, dass eine Steigerung der menschlichen Arbeitsergebnisse ausschließlich  durch zwei Faktoren erzielt werden könne: 1. Zeit und 2. Intensität. Über die Jahrtausende hinweg war scheinbar jedem klar, dass ein Mehr an Ergebnissen nur durch härteres und längeres Arbeiten erreicht werden könne. - Und dann kam das Ende des 19. Jahrhunderts ein genialer amerikanischer Forscher warf dieses Paradigma über den Haufen und öffnete der Menschheit die Augen: Frederic Winslow Taylor. Erstaunlich ist allerdings, dass sich seine Erkenntnisse außerhalb des Wirtschaftslebens noch nicht so sehr durchgesetzt haben und zum Allgemeinwissen geworden sind. Die Rede ist von der Management-Revolution und der beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg und der enormen Wohlstandsteigerung, die sich seit  Beginn des 20. Jahrhunderts ergeben hat.

Die klassischen Wirtschaftwissenschaftler von Smith über Say, von Ricardo über Marx waren sich einig darüber, dass nur intensiveres und längeres Arbeiten zu einer Steigerung der Arbeitsergebnisse führen könne. Nachdem aber sowohl die Kraft des Menschen, als auch die Zeit begrenzte Güter sind, so findet die maximale Leistung, die eine Wirtschaft oder auch ein Unternehmen erbringen kann, seine absoluten Grenzen. Und tendenziell scheint nach dieser Ansicht eine Steigerung von Ergebnissen uns insbesondere der Gewinne nur durch Schinderei der arbeitenden Bevölkerung zu funktionieren. Die Geschichte scheint dieser Ansicht entgegen zu kommen, von der Errichtung der Pyramiden im alten Ägypten über die indiansichen Bergarbeiter in Peru, die unter den Conquistadores schufteten bis zur Kinderarbeit in Europa zu Beginn der Industriellen Revolution gab die Erfahrung den Pessimisten recht, die die traditionellen Wirtschaftssysteme anprangerten. Unter diesen Umständen schien die Kollektivierung der Produktionsmittel und die Veränderung der Gesellschaft durch die Machtübernahme  des Proletariats eine logische Folge, nur eine Frage der Zeit zu sein. Nun, seit Marx sind mehr als 130 Jahre vergangen und die "Proletarische (R)evolution" hat noch immer nicht stattgefunden. Nur die wenigsten sind heute noch von der Illusion befallen, dass sie doch noch kommen würde. Das Warten auf Godot ist eben eine Sache, die den meisten Menschen Passion nicht ist.


Die Antwort darauf, warum diese Revolution nicht stattgefunden hat, ist im Grunde nicht schwer zu geben: es handelt sich um die enorme Produktivitätssteigerung, die sich seit Marx ergeben hat und die die einzige wahre Grundlage für den Wohlstand der Welt, gerade auch der westlichen, ist. Auf den Punkt gebracht heißt das: Der Westen ist deshalb wohlhabend, weil er es geschafft hat Wissen konstruktiv auf die Arbeitsprozesse anzuwenden, so dass immer mehr mit immer weniger Aufwand erreicht werden konnte. Die Klugheit der wirtschaftlichen Führer, vor  allem des Managements, im 19. und 20. Jahrhundert ist die Basis der größten Wohltat, die der Menschheit in den letzten 1000 Jahren zuteil geworden ist. Erstaulich ist dabei vor allem die  Art, wie dieser positive Entwicklung sich ergeben hat. Es wäre natürlich vermessen zu sagen die Wirtschaftstreibenden hätten diesen Wohlstand vor allem deshalb geschaffen, weil sie alle Humanisten und Philanthropen gewesen wären. Hier verhät es sich ähnlich wie mit der Erkenntnis von Adam Smith, der ja bekanntlich davon sprach, dass der maximale Eigennutz jedes  einzelnen im Ergebnis auch der maximale Gesamtnutzen wäre. Demnach ist der Egoismus des einzlnen nicht schädlich, sondern sogar nützlich für das Ganze. Smith hatte recht, aber nur in Bezug auf die Situation, die er selbst untersuch und vor Augen hatte und das ganz noch zu seiner Zeit, dem letzten Jahrzehn vor der einsetzenden Industriellen Revolution (1760er-Jahre).  So sehr der Egoismus in der Industriellen Revolution seine Schattenseite zeigte und allmählich gesetzliche Einschränkungen zum Wohl der arbeitenden Bevölkerung vorgenommen werden mussten, so sehr ist doch der Eigennutz eines der treibenden Motive des Menschen. Es wäre vermessen an eine Änderung der menschlichen Natur zu appelieren oder zu glauben, viel eher geht es darum ein System so zu konstruieren, dass der maximale Eigennutz (uns sei es blanker Narzissmus) im Ergebnis allen dient, also nicht schädlich ist. Bei der Steierung der Produktivität ist aber genau dies geschehen. Zwar mögen Arbeitsprozessanalysen der Reduktion der Kosten und der Steigerung des Outputs und letztlich der Gewinne und Marktanteile dienen, doch ist damit nicht automatisch eine Verschlechterung der Situation der Situation der Mitarbeiten verbunden (Produktivität ist das Ergebnis aus dem Output minus dem Input). Wir haben hier eine Situation vorlieben bei der das Interesse eines Managers am Vorteil für sein Unternehmen auch einen Vorteil für die gesamte Wirtschaft und damit letztlich für die gesamte Bevölkerung bringt.


Wohlstand wird nur durch Einsatz von Wissen auf Arbeitsvorgänge geschaffen. Der Wohlstand ermöglicht überhaupt erst, dass Menschen und ganze Gesellschaften darüber nachdenken können, wie sie leben wollen. Der Wohlstand beinhaltet auch die Möglichkeit höherer Sitten und einer gesteigerten Kultur, denn solange ein großer Teil der Menschen ihre Arbeitsenergie und ihre Zeit dafür einsetzen muss überhaupt am Leben zu bleiben, so lange kann keine Kunst, keine verfeinerte Lebensweise und keine höhere Kultur im Allgemeinen entstehen. Die starke Produktivität in den postindustriellen Ländern hat einen beispiellosen Wohlstand geschaffen, der allen Bevölkerungschichten, auch den Ärmsten, zugute kommt. In den entwickelten Ländern leben selbest die Ärmsten heute auf einem Niveau, das früher selbst der Mittelstand kaum erreichen konnte. Unsere Produktivität ist inzwischen derart hoch, dass wir es uns leisten können große Teile der Bevölkerung außerhalb des Erwerbslebens zu setzen, wie etwa Schüler, Studenten, Pensionisten und sonstige, die aus welchen Gründen auch immer nicht am Arbeitsprozess  teilnehmen. Über den größten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg wäre etwas Derartiges unmöglich gewesen!

Aber es gibt zunehmen Probleme mit der Produktivität, gerade in Europa. Die Innovationskraft, die die Produktivität der Zukunft schafft, wird hier durch einen überbordenen Staat und eine Gesellschaft, die den Staat überfordert oft im Keim erstickt oder zumindest schwer behindert. Ein allgemeines Misstrauen gegenüber Menschen, die etwas Anpacken wollen tut ein Übriges zu der Misere. Der Erfolg der europäischen Wirtschaft liegt gerade darin, dass hier der Staat durch den Liberalismus und die Demokratie und das absolut gesicherte Privateigentum ein Klima schuf, das es zupackenden Menschen ermöglichte etwas zu erreichen. Nun aber wurde im Laufe der Zeit missbraucht und zum "Wettermacher" erklärt. Man begnügte sich nicht mehr damit, dass der Staat einen Rahmen schuf, Richtlinien vorgab, an denen sich der einzelne orientierte und ansonsten frei in seinem Geschäftsgebaren war. Heute soll der Staat für die Konjunktur sorgen, die Arbeitslosigkeit niedrig halten und überhaupt für ultimative Gerechtigkeit sorgen. All diese Dinge können vom Staat nicht erbracht werden und sie sollen auch nicht erbracht werden, die damit verbundenen Maßnahmen würgen jede Selbstverantwortung und jeden schöpferischen Impuls ab. Das Leben muss von den Menschen selbst gestaltet werden und ein Eingreifen des Staates in die Angelegenheiten der Bürger und damit auch der Wirtschaft ist grundsätzlich unzulässig. Nur in völlig Freiheit kann Wohlstand entstehen und auch das, was man als das "gute  Leben" bezeichnen kann. Ein Großteil der Einbussen bei der Produktivität gehen auf staatliche Maßnahmen zurück, die oft populistisch und nur zu häufig unvernünftig weil von Ideologien getragen  sind. Wenn Europa nicht aufpasst und so weiter macht wie in den letzten 20, 30 Jahren, denn wird es bald zu den globalen Verlieren gehören, verursacht durch seine eigenen Politiker. Das Ergebnis der EU-Wahlen vom Sonntag spricht eine deutliche Sparche. Der Hilferuf der Bevölkerung, der Wunsch nach Entbürokratisierung, vor allem in Ruhe gelassen wurden werden, war deutlich zu vernehmen. Allzuoft haben die Menschen den Weg zu den Populisten gefunden. Ob die Botschaft verstanden wurde, wird man in der kommenden Legislaturperiode sehen - wenn nicht wird es in fünf Jahren eine Abrechnung geben, die einem Erdrutsch gleichkommen wird.


Unter dem Paradigma von mehr und härterem Arbeiten als einziger Möglichkeit die Produktivität zu steigern läuft die Weltwirtschaft auf eine Maximus zu, nachdem es kein Weiter, kein Mehr und noch nicht einmal mehr ein Besser geben kann. Es ist eine düstere, pessimistische Weltsicht, die sich langfristig zwangsläufig aus der traditionellen Sicht ergeben muss. Glücklicherweise hat sich diese Sicht als falsch herausgestellt und dem Wachstum steht auch in Zukunft keine Grenze mehr entgegen. Das ergibt sich unter anderem daraus, dass die Produktion immer weniger abhängig von der Rohstoffen wird (die freilich begrenzt sind), sowei von der menschlichen Arbeit an sich (die auch ihre Grenze findet). Die einzige Grenze, liegt in der Innovationskraft, in der Phantasie und dem Wissen des Menschen und ob dieses je eine Grenze findet ist nicht bekannt. In jedem Fall ist die Vorstellung von grenzenlosem Wachstum keine Illusion mehr, sondern eine Realität im zeitgemäßen Paradigma der Produktivität. Es ist deshalb dem Pessimismus jede Basis entzogen und der Optimismus, die Vorstellung von einer sich stets verbessernden, Wohlstand mehrenden Gesellschaft ist die realistischste von allen Vorstellungen. Nur wir Menschen selbst können unsere Erfolg noch verhindern durch eine Geisteshaltung der Begrenztheit, der Angst und der Unglaubens. Die Natur hat nicht mehr die Macht dem Menschen in seinem Wohlstandsstreben Einhalt zu gebieten und es gibt auch überhaupt keine Hinweise darauf, dass sie dies je wollen könnte, selbst wenn es in ihrer Macht stünde. Der Mensch ist ein seltsames Lebewesen: er ist der einzige der sich selbst freiwillig beschränkt. Es wäre unvorstellbar etwa ein Baum oder ein Tier zu betrachten, dass nicht alle seine Möglichkeiten ausnützen würde so groß als irgendmöglich zu wachsen. Unter den gegebenen Umständen wird ein Baum stets danach trachten ein Maximum aller verfügbaren Ressourcen auszunutzen, um sich zu entfalten. Nur der Mensch begnügt sich mit weniger (und leidet oft im Stimmen große Qualen), indem er sich nicht entwickelt, indem er sich nicht zu seiner maximalen Größe entfaltet. Diese "Sünde" müssen wir hinter uns lassen und nicht duckmäuserisch uns mit wenig zu begnügen, sondern gerade durch unsere Entfaltung es allen Lebewesen gleichtun, zum Segen von uns selbst und der gesamten Schöpfung.

Seien wir realistisch und sehen uns an, wie sich die Welt in den letzten zweihundert Jahren zum Besseren entwickelt hat. Die Zahl der absolut Armen ist ständig im Sinken begriffen, heute hungern weitaus weniger Menschen, als noch in den 70er-Jahren. Die Hilfe für arme Länder, die überhaupt erst durch den westlichen Wohlstand ermöglicht wurde, funktioniert erstaunlich gut. Die Umwelt wurde zu keinem Zeitpunkt seit dem Beginn der Industriellen Revolution derart geschützt wie heute. Das Bewusstsein um den Schutz des Lebens war niemals größer. Was immer man als notorischer Pessimist auch sagen mag - Probleme wird es immer geben - aber die Verbesserungen, die sich in allen Lebensbereichen permanent ergeben sind gigantisch! Gerade die Wissenschaft und die Technik haben Leistungen erbracht, die größer sind als alle Leistungen der Kulturvölker seit Jahrtausenden zusammen! Die Lebenserwartung ist höher als je zuvor, die Fähigkeit die Menschheit zu ernähren, durch ertragreiche moderene Landwirtschaft, ist beeinruckend. Freilich, wer das Schlechte sucht, wird es auch im Paradies finden, doch verglichen mit der Vergangenheit ist unsere Welt eindeutig auf dem Weg der Besserung. Die Leistungen, die die Welt, und dabei vor allem der Westen, für das Gute in der Welt erbracht hat, ist unschlagbar bestechend und groß.


Es führt kein Weg vorbei an der Notwendigkeit den Wohlstand zu steigern und zwar weltweit. Die Produktivität und die Innovation ermöglichen uns, dass dieses Wachstum, dieses Reichwerden ohne Schaden für Umwelt und Gesellschaft geschehen kann. Die Frage ist nur wie weit wir geistig offen sind, ungewöhnliche und neue Ideen zulassen und der Staat und die Politik sich aus der Lebensgestaltung der Bürger heraushalten. Geschieht dies, so ist das Tor zum Optimismus offen und die Möglichkeit auf eine goldene Zukunft kein Traum, sondern eine erreichbare Wirklichkeit.

Sonntag, 27. April 2014

Das Ende der Konsensgesellschaft?

Robert RavenEingeschlagen hatte es wie eine Bombe, als das neue Buch des deutsch-türkischen Erfolgsautors Akif Prinicci vor  kurzem auf dem Buchmarkt erschien. "Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer"  sollte zuerst totgeschwiegen werden, doch von Anfang an ging das Werk weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln und zwang das Feuilleton vieler namhafter Zeitungen zu einer Stellungnahme. Derb und provozierend in der Sprache, den Fingen auf viele wunde Punkte in der Gesellschaft legend, schaffte es Prinicci, der für dieses, sein erste. Sachbuch den mutigen Manuscriptum-Verlag gefunden katte, ein Sprachrohr für viele Menschen zu sein, die seit langer Zeit das  Gefühl haben, dass Deutschland nicht mehr Deutschland sei, zumindest nicht mehr "ihr" Deutschland, so wie sie es kannten und liebten.

Man könnte nun diese Erscheinung als ein Kuriosum beiseite schieben, wenn es nicht bereits eine ganze Serie von derartigen "Skandalbüchern" gäbe, die zu Bestsellern geworden sind und sich mit den Themen Zuwanderung, Homosexualität, "Political Correctness" und anderen Zeiterscheinungen beschäftigen. Thilo Sarrazin mit seinen Büchern "Deutschland schafft sich ab" und "Tugendterror" gehörte bisher zu den bekanntesten dieser Autoren - jetzt kam Pirincci und hat noch einen Zahn zugelegt. Dabei besteht die Leserschaft nicht einfach aus "Frustrierten", "Modernisierungsverlierern" oder "Ewig-Gestrigen", sondern sie kommen  aus allen sozialen Schichten, mit allen möglichen persönlichen und sozialen Hintergründen. Sicherlich sind auch jene dabei, die froh sind, dass "es denen  da oben endlich einer sagt", die Provokationen lieben oder aus welchen Gründen auch immer sich Luft verschaffen wollen.  Tatsächlich jedoch sind viele Leser dieser Bücher vernünftige, bodenständige Menschen, die sich Sorgen um die Zukunft des eigenen  Landes, der eigenen Gesellschaft und der eigenen Kultur machen. Etwas, das nicht einfach mir nichts dir nichts beiseite geschoben werden darf.

Es geht bei Veränderungen in der Gesellschaft nicht immer nur um das altbekannte Phänomen, dass die einen immer alles anders machen wollen und ihre Gegner am liebsten alles so bewahren wollen, wie es ist. Vor allem geht es hier nicht, wie manche meinen, um einen Generationenkonflikt - diesen gab und gibt es zu allen Zeiten. Hin und wieder kommt es in der Geschichte zu entscheidenden Veränderungen, die über Wohl und Wehe, über Sein oder Nichtsein einer Kultur entscheiden. Handelt es sich um ein solches Thema, gelten ganz andere Regeln, als die gewöhnliche stetige Veränderung einer Gesellschaft, die gelassen von oben betrachtet werden kann, ohne dass große Gefahren für den Fortbestand der Gesellschaft an sich bestehen. Heute sind wir jedoch an einem solchen entscheidenden Punkt angelangt und wir können es uns nicht mehr leisten, einfach über die großen soziale Spannungen hinwegzusehen.

Bedeutet dies alles nun ein Ende der Konsensgesellschaft oder zumindest der Gesellschaft, wie wir sie bisher kannten? Zumindest letzteres scheint sich deutlich abzuzeichnen. Das Vertrauen in die Eliten ist an einem Tiefpunkt angelangt, die Elite selbst traut sich nichts mehr zu, vor allem hat sie die Fähigkeit verloren Ziele und Werte zu vermitteln und ein Bild von der Zukunft zu zeichnen, das den Menschen Hoffnung auf ein lebenswertes Morgen gäbe. Wenn eine Gesellschaft aber nicht die Hoffnung auf ein besseres Morgen hat, dann muss sie degenerieren, dann gibt sie allmählich die Lebensgeister auf, die sie erhalten. Noch gibt es diese Energie, die sich aus  der Vergangenheit, als mehr Hoffnung existierte, stammt, doch zunehmend erlischt dieses "Lebensfeuer" und wird durch eine bleierne  Schwere abgelöst, eine dunkle Masse aus gegenseitigem Misstrauen, Verdächtigungen, Zynismus, notorischer Kritiksucht und  fatalem Pessimismus. Keine Frage der Selbsthass unserer Kultur hat eine Dimension erreicht, die diese immer mehr zersetzt. Eine Gesellschaft ist selbst wie ein lebender Organismus und genauso wie er leben und gedeihen kann, kann er auch untergehen und absterben.

Woran kann man erkennen, in welchem Stadium sich eine Kultur befindet? Der große arabische Historiker des 14. Jahrhunderts Abu ra-Rahman Ibn Chaldun untersuchte viele Reiche in der Geschichte, deren Aufstieg und Fall. Er kam zu dem Schluss, dass das Schicksal einer Gemeinschaft, egal wie groß sie auch sein mag, Stamm oder Weltreich, von einem zentralen Faktor abhägt, den er Abadijja nannte. Abadijja bedeutet soviel wie "Gemeinschaftsgeist", die Kraft, die die Menschen einer Gemeinschaft zusammenhält. Ist diese Kraft stark, so widersteht eine Gesellschaft inneren und äußeren Konflikten, ist sie schwach, so stribt sie ab und kann dann auch durch relativ schwache äußere Feinde und geringe innere Unruhen zugrune gehen. Wie ist es nun um diese Abadijja bei uns bestellt.

Der Pluralismus einer Gesellschaft kann ein Segen oder ein Fluch sein - das wesentliche Element besteht darin, ob es eine gemeinsame Basis gibt, auf dem die Verschiedenartigkeit beruhrt, ein einigendes Band, ein gemeinsamer "Geist". Besteht ein solcher nicht, ist die pluarlistische Gesellschaft früher oder später dem Untergang geweiht. Ein solches einigendes Band könnte die Religion, der Patriotismus oder auch die Menschlichkeit sein, doch im gegenwärtigen Augenblick, in dem alles dem Relativismus und dem Subjektivismus frönt, kann es keine solche Basis geben. Dieses starke gesellschaftliche Fundament muss ihrer Natur nach absolut sein und darf nicht von der  persönlichen Perspektive abhängen. So wie sich der Pluralismus in Europa heute gestaltet ist er ein Kampf verschiedener Gruppen untereinander, von denen jede sich selbst als das "Absolute" betrachtet, einen größeren Rahmen, der alles zusammenhält gibt es  nicht. Was wir heute beobachten ist sowohl auf individueller, als auch auf kollektiver Ebene ein Durchdrungensein vom Narzissmus.  Langfristig ist deshalb jede nicht-moderne, weitgehend homogene Gesellschaft, der postmodernen, westlichen, heterogenen  Gesellschaft überlegen. Will der Westen überleben im 21. Jahrhundert, wird er schleunigst eine absolute Basis finden müssen, auf der  sein Gemeinwesen beruht. Auch die Entwicklung einer objektiven Wertwissenschaft ist dringend notwendig.

Für die Mainstream-Medien zeigt sich schon seit längerem, insbesondere durch die zunehmende Bedeutung des Internets, ein großes Problem: ihre "Torhüter-Funktion" versagt immer öfters! Darunter versteht man im Journalismus die einstmals vorhandene Tatsache, dass worüber die Medien nicht berichten, bei den Menschen nicht ankommt. Wenn ein Großteil der Menschen ihre Nachrichten, ihre Informationen über bestimmte große Medien (traditionell vor allem Fernsehen, Radio und große Tageszeitung) erhalten, so lässt sich durch Kontrolle dieser Medien die Gesellschaft im wesentlichen steuern. Heutzutage informieren sich Menschen im Netz vor allem nach ihren eigenen Präferenzen und Vorlieben und konsumieren immer weniger die vorgefertigten "Nachrichten", wie es bis in die jüngste Vergangenheit hinein der Fall gewesen ist. Immer mehr Menschen holen sich gezielt genau jene Informationen, die sie persönlich für sinnvoll erachten und immer weniger jene, die Redationen als für wichtig deklarieren. Freilich gibt es dabei auch Schattenseiten. Die Individualisierung des Medienkonsums führt vor allem dazu bestehende Vorurteile zu verfestigen. Obwohl das Internet ein großer Segen sein könnte, indem der User sich die unterschiedlichsten Sichtweisen desselben Sachverhalten ansehen  könnte, geschieht dies in der Praxis kaum. Viel eher besucht man genau jene Seiten, die das eigene Weltbild bestärken und einem dabei das Gefühl geben, die Welt sei auf der eigenen Seite. Das Seltsame dabei ist, dass auch Minderheiten im Netz vergessen  können, dass sie eine Minderheit sind und so in der Illusion sie wären "ganz viele" bestärkt werden.

Das Internet ist für die Forschung über den Menschen ein grandioses Anschauungsmedium, denn wenn man sich etwa die Suchbegriffe ansieht, die am häufigsten, zum Beispiel bei Google, eingegeben werden, erhält man viel eher einen Einblick in die wahre Geisteshaltung der Bevölkerung, als wenn man direkte Umfrangen durchführen würde. Sieht man sich nun diese "wahre Geisteshaltung" an, so erkennt man unschwer, dass diese sich sehr wesentlich von dem unterscheidet, was die Bevölkerung von sich selbst und vor allem die Elite und die Medien zu glauben meinen. Möglicherweise ist das Internet sogar eine Weg, um Zugang zum Unbewussten des Menschen zu  gewinnen, neben den bisher bekannten Techniken versteht sich.

Ein großer Irrtum, der in unserer Gesellschaft oft gezielt erzeugt wird, ist jener der veröffentlichten Meinung. Im Zeitalter moderner Medien ist es ein Leichtes Meinungen zu veröffentlichen und diese als die "öffentliche Meinung" auszugeben. Nicht selten befinden sich die Politiker selbst in diesem Irrtum gefangen. Die veröffentlichte und die öffentliche Meinung unterscheiden sich in sehr vielen Fällen gewaltig von einander. Teilweise wird sogar angenommen, man könne durch die Vorgabe eine Meinung sei jene der Mehrheit der Bevölkerung, die öffentliche Meinung überhaupt erst erschaffen. Die Präsentation wäre demzufolge der Schöpfungsakt selbst.  Öffentlichkeit zu schaffen heißt vor allem, dass alle, bzw. große Teile der Bevölkerung, über dasselbe sprechen. Dies wird jedoch immer
schwieriger zu erreichen. Das was in den Medien, vor allem in den öffentlich-rechtlichen, den Menschen präsentiert wird, entspricht immer weniger der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Große Gruppen der Bevölkerung, vor allem jene, die den angeblichen "Mainstream" nicht gutheißen, werden ausgeblendet. Es scheint das Motto vorzuherrschen, dass jenes, das nicht existieren darf auch nicht existiere.

Mehr noch, man glaubt durch Wirklichkeitsvermeidung jenes Wunschbild, das man von der Welt hat, erschaffen zu können. Wir leben schon seit längerem in einem Zeitalter des Gegenaufklärung; da ist es kein Wunder, dass nicht nur Ideale wie die Menschenrechte, Demokratie, Rechtstaatlichkeit und überhaupt vernünftiges Denken und Handeln, nicht mehr besonder hoch im Kurs stehen. Gerade am  grundlegenden Menschenrecht der Meinungsfreiheit kann man dies gut ersehen: Meinungsfreiheit ist die wesentliche Grundlage der Demokratie, denn nur durch ihre freie Ausübung ist die Demokratie überhaupt erst gewährleistet, ist Partizipation des einzelnen möglich. Nun gibt es aber seit  geraumer Zeit eine immer stärkere Einschränkung der Meinungsfreiheit, sei es direkt durch das Gesetz, mehr noch jedoch durch die  gesellschaftlichen Konventionen. Viele Menschen, es dürften alleine in deutschland mehrere Zig-Millionen sein, dürfen ihre wahren  Gedanken nicht mehr ausdrücken und werden diffamiert, wenn sie es doch tun. Die Meinungsfreiheit hat absolut zu sein, jede Meinung,  auch die schwer Ertragbare, muss in vollem Ausmaß ausdrückbar sein. Der Staat hat sich in Bezug auf die Gedanken der Bürger und  deren verbalem und schriftlichen Ausdruck völlig neutral zu verhalten und keinerlei Verbote oder Gebote diesbezüglich zu erlassen oder  zu überwachen.

Freilich hat gerade in Deutschland der Liberalismus seit jeher einen schweren Stand; bekanntlich ist die Freiheit keine Tochter aus  Deutschland. Wenn es jedoch um die Meinungsfreiheit geht, so spricht ein ganz anderer Punkt für das Deutsche: die Authentizität.  Wenn es durch die Jahrhunderte hindurch etwas gibt, was das Deutsche schlechthin kennzeichnet, dann ist es das Bedürfnis nach Wahrheit, nach  dem Echten und Unverfälschter, der Ablehnung der Künstlichkeit und des Schauspiels, das in vielen anderen Kulturen ausgeprägt ist. Einen Luther konnte es nur in Deutschland geben, nur hier konnte es zur Reformation kommen, zur Besinnung auf die Ursprünge. Diese Tradition des Echten, des Wahrhaftigen hielt sich noch bis zu den 68ern, die selbst noch von diesem Gedanken durchdrungen waren und aufräumen wollten mit aller Falschheit, aller Heuchelei und dem gezierten Getue. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade diese 68ern heute die schärfsten Proponenten der sogenannten "political correctness" geworden sind, jener Zensur, die gegen die Menschenwürde, die Gerechtigkeit, gegen die Freiheit verstößt und damit der Lüge und dem Schein Tür und Tor öffnet.

Elite und Bevölkerung misstrauen einander gegenseitig. Dabei wird vergessen, dass in einer Demokratie die Elite nur mit Zustimmung der Regierten existiert und dass ohne Vertrauen diese Zustimmung nicht mehr gegeben ist. Die einzige Rechtfertigung für Elite, die es heute noch  geben kann, ist das Wohl für des Gemeinwesen, das von ihrem Wirken ausgeht. Ist das Tun der Elite dem Wohl der Gemeinschaft nicht  mehr zuträglich, so hat sie durch eine neue ersetzt zu werden. So lauten die simplen Spielregeln des modernen Rechtstaates. Doch woher soll  eine neue, fähige Elite kommen, wenn sie sich immer nur aus denselben Kreisen speist? Aufgabe der Elite ist es gerade das Gemeinwesen  mit Sinn, Werten und Zielen zu erfüllen. Wo steht etwas Deutschland im Jahre 2050 oder 2100? Welche großen Ziele verfolgt der Staat  und die Gesellschaft? Welche Werte halten wir für unveräußerlich? Wie sieht es mit der Verantwortlichkeit des einzelnen aus? Welche Pflichten haben die Menschen zu erfüllen? Anstatt immer nur von den Rechten zu sprechen. Das sind die großen Fragen, auf die viel zu selten (vernünftige) Antworten gegeben werden. Leute wir Sarrazin, Broder oder Pirincci legen den Finger auf wunde Punkte. Wie sehr sie damit ins Schwarze getroffen haben, zeigen die hefitgen Reaktionen, die landauf, landab zu vernehmen sind. Immer mehr Menschen fühlen sich von der Politik  hinters Licht geführt, haben das Gefühl ihnen würde nur noch eine Scheinwelt präsentiert und man kümmere sich nicht mehr um sie; ganz im  Gegenteil man schlägt einem sogar brutal ins Gesicht. Menschen lassen vieles mit sich machen, aber nicht auf ewig.



Einige Tatsachen, die nicht oder nur ungenügend beachtet werden:

1.) Das Bildungsniveau im öffentlichen Schulsystem sinkt seit vielen Jahren und erreicht ständig neue Tiefststände. Lehrer, die viele Dienstjahre hinter sich haben, berichten von eklatanten Verschlechterung. Aufgaben, die früher vom Durchschnitt der Schüler bewältigt werden konnte, fallen heute selbste den Klassenbesten schwer. Die anderen sind überhaupt nicht mehr in der Lage sie zu lösen. Gleichzeitig steigen die formellen Anforderungen in der Arbeitswelt: Für immer mehr Stellen bedarf es zusätzlicher Zeugnisse, Qualifikationen und Titel, ohne dass dahinter entsprechende Leistungen stünden. Vielleicht braucht man eines Tages ein Diplom einer Hochschule um den Müll wegräumen zu dürfen; man heißt dann "Doktor der Abfallwirtschaften" oder dergleichen, ohne dabei noch das Kleine 1x1 zu beherrschen. Nachdem nicht anzunehmen ist, dass die Kinder von heute genetisch verfallen sind, müssen die Ursachen für die Verdummung in der Art und Weise liegen, wie unsere Gesellschaft und hier vor allem das Erziehungssystem funktioniert. Welche sind die wahren Ursachen dieses Absinkens der schulischen Leistungen?

2.) Die Menschen sind heute zynisch und naiv zugleich. Zynisch sind sie aus Misstrauen gegenüber den anderen, naiv, weil sie trotz Misstrauens auf Experten und "Autoritäten" vertrauen.

3.) Gesellschaftlichte Konflikte werden totgeschwiegen, wenn sie nicht in ein vorgefertigtes Raster passen. Kriminalität wird verschwiegen, unliebsame Meinungen als Minderheitengedanken abgewertet; auf der anderen Seite hingegen werden Außenseiter ins Rampenlicht gestellt und die Illusion erzeugt diese wären in die Gesellschaft integriert. Der Missbrauch sozialer Sicherungssystem wird verschwiegen oder heruntergespielt. Ineffiziente politische und soziale Maßnahmen werden unter den Teppich gekehrt, der Gesellschaft Ruhe und Konsens vorgespielt, obwohl unter der Oberfläche in vielen Teilen Europas bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

4.) Das "Exotische" und "Ungewöhnliche" erhält eine Aufmerksamkeit, die seinem Anteil an der Gesamtgesellschaft nicht entspricht. Die Mehrheit ist eben die Mehrheit und aus Gründen der Gerechtigkeit müsste sie deshalb auch die Aufmerksamkeit, gerade in den Medien, dominieren.

5.) Es wird verschwiegen, dass der Wohlstand seit langem nicht mehr wächst. Auf der anderen Seite werden Unsummen, oft völlig ohne Sinn und verstand, für Projekte verschwendet, die das Klima und die Umwelt schützen sollen, ohne dies tatsächlich zu tun. Auf bloße Vermutungen hin werden der Bevölkerung Belastungen aufgebürdet und das, obwohl sie sich dies im Grunde gar nicht leisten kann. Die Dinge werden nicht nicht mehr zu Ende gedacht, vernetztes Denken fehlt völlig, das alte monokausale Denken beherrscht noch immer die Köpfer, gerade bei jenen Leuten, von denen anderes zu erwarten wäre. Wohlstandswachstum und Umweltschutz zu vereinen und nicht gegeneinader auszuspielen, das wäre das Gebot der Stunde. Wir werden nicht umhin kommen ein neues "Wirtschaftswunder" zu  kreieren, wenn wir weiterhin einen lebenswerten Standard in Europa haben wollen.

6.) Der Mensch ist in erster Linie ein natürliches Wesen. Die Natur hat uns zu Mann und Frau geschaffen, wobei die beiden Geschlechter sehr unterschiedlich sind. Aber gerade in diesen Unterschieden liegt die Polarität aus der sich die Dynamik des Lebens speist. Hier nivellieren zu wollen degeneriert den Menschen und die Menschlichkeit.

7.) Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Götzendienern. Geld, Macht, Ansehen, die öffentliche Meinung, die Natur oder auch andere Menschen sind zu den Objekten der Anbetung geworden. Wir sind heute heidnischer, als unser Land über viele Jahrhunderte hinweg gewesen ist. Spirituell haben wir einen großen Rückschritt gemacht. An der Esoterik- und New-Age-Bewegung lässt sich der Abstieg und der Aberglaube in der Kultur sehr gut ablesen. Die Ursachen liegen unter anderem darin, dass Humanismus und Aufklärung sich zu wenig durchgesetzt haben. Gerade hier  sollte wieder angesetzt werden. Der Mensch muss wieder in den Mittelpunkt aller Betrachtung gerückt und die Vernunft als Beurteilungsmaßstab wieder zur Vormachtstellung gelangen.

8.) Nation und Nationalgefühl sind Stützen der Demokratie. Der deutsche Sonderfall in der Geschichte darf nicht als Lehrmeister herangezogen werden. Vielmehr muss der Blick nach Westen, nach Frankreich, England oder den USA gehen, um zu erkennen, dass der Nationalstaat und die Demokratie in engem, ja unverbrüchlichem Zusammenwirken bestehen.

Was wir brauchen ist eine Rückkehr zur Vernunft und zur Entwicklung von viel mehr Mut. Das Misstrauen gegenüber den Menschen, gerade auch gegenüber den Massen, muss ein Ende haben. Unsere Gesellschaft ist stark genug jede Meinung zuzulassen und den Diskurs der Weltanschauungen
nicht bereits im Vorhinein einer Zensur zu unterwerfen, so dass bestimmte Weltbilder von vorne herein ausgeschlossen werden. In einer freien Gesellschaft muss jedes Weltbild, das Unvernünftigste, ebenso wie das Absurdeste, zum öffentlichen Diskurs zugelassen werden. Dem freien Wettbewerb der Ideologien und Überzeugungen soll nichts im Wege stehen. Die Menschen sind reif genug selbst entscheiden zu können, wem und welchen Vorstellungen sie folgen wollen. Nur wenn man der Bevölkerung vertraut, verhält sie sich auch so, dass sie vertrauenswürdig ist.

Robert Raven