Montag, 8. Oktober 2012

Warum betreibt der Mensch Philosophie?

Es ist dies eine Frage, die erstaunlicherweise viel seltener gestellt wird, als man denken möchte, insbesondere, und das verwundert doch nicht wenig, von den Philosophen selbst. Es scheint, als ob das Philosophieren, das ja nur allzu oft mit dem Denken selbst verwechselt wird, eine Selbstverständlichkeit wäre, etwas das man eben tut, „weil man es eben tun sollte“. Doch warum man es tun sollte, ist schon viel weniger klar und oft auch, wozu das Ganze dienen soll. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, doch trotzdem relativ selten, dass der Mensch im Leben einer Sache um ihrer selbst willen nachgeht. In der Regel ist menschliches Verhalten motiviert und das trifft auf den geistigen, ebenso wie auf jeden anderen Bereich des Leben zu. Rein expressives Verhalten gehört zweifelsohne zu den beglückend- und erfüllendsten Tätigkeiten im Leben. Gewisse Dinge absichtslos zu betreiben, gehört unabdingbar zu einem guten Leben, Doch nur wenige können ein Interesse an einer Sache aufbringen, die sich nicht ins Hauptbuch ihrer Ziele und Ambitionen eintragen lässt – gerade in unserer Zeit sind Zeitgenossen, die solches können, sehr selten geworden – wahrscheinlich liegt darin einer der Gründe für das Unglück, das die meisten Menschen mehr oder weniger in ihrem Leben empfinden – ein Dasein in stiller Verzweiflung. Es soll hier dieser Ausnahmefall des Betreibens der Philosophie um ihrer selbst willen ausgeklammert werden und der Blick auf die zweckmäßige Tätigkeit gelegt werden.
 
Ich möchte hier vier mögliche Antworten darauf geben, warum der Mensch Philosophie betreibt.
 
1.)    Die Philosophie ist dazu da den Menschen zu befähigen sein Glück und seine Erfüllung zu verwirklichen.
Das ist eine klassische Position von Menschen, die philosophieren, zu allen Zeiten vertreten haben. Es war das Ideal der Antike, das gute Leben anzustreben, wobei dieses gute gleichbedeutend mit einem tugendhaften Leben gesetzt wurde. Das Gute, das Schöne und das Wahre bildeten nach Platon eine Einheit. Es wurde davon ausgegangen, dass der Mensch glücklich werden könne, weil er denken kann. So richtig diese Ansicht auch ist, so zeigt sie doch nur die halbe Wahrheit auf. Denn das Gegenteil ist ebenso wahr. Es war Michel de Montaigne, der als erster darüber schrieb, dass gerade die Denkfähigkeit des Menschen zur Quelle seines Unglücks werden kann. Völlig unabhängig von den äußeren Umständen, kann der Mensch alleine durch sein Denken sowohl glücklich, als auch unglücklich werden. Auf eine Sache ist hier noch hinzuweisen: Untersuchungen und Befragungen von Menschen über ihr subjektives Glücksempfinden, haben über viele Jahrzehnte hinweg gezeigt, dass es kaum einen Zusammenhang zwischen dem wahren Wohlbefinden des Menschen und seiner Meinung über seinen eigenen Glückszustand gibt. Menschen sind sehr robuste Lebewesen und auch wenn es ihnen objektiv schlecht geht, tendieren sie dazu sich eher als glücklich, denn als unglücklich einzustufen. So ist es nicht verwunderlich, dass das Glücksempfinden nach eigenen Angaben, bei fast allen Menschen weitaus größer ist, als es ihrem Seelenzustand entspricht. Man sieht daran auch sehr deutlich, wie sehr die Meinung der Menschen über sich selbst von äußeren Glücksvorstellungen dominiert wird und wie wenig Selbsterkenntnis homo normalis besitzt. Zudem kommt ein starker sozialer Druck hinzu, der von der Ansicht kommt, dass sozialer Status mit Glück zusammenhängt. Wer wenig Glücksempfinden zeigt, gilt als  auf der unteren Skala der sozialen Wertigkeit angesiedelt. Auf der anderen Seite gibt es auch starke psychologische Gründe dafür, dass Menschen sich einreden glücklich zu sein und bald selbst daran glauben. Denn wenn es im Leben nicht zumindest eine kleine Hoffnung auf eine Besserung des eigenen Leben gibt, warum sollte man dann überhaupt weiter leben?
Die Philosophie hat nun die Aufgabe den Menschen das richtige Denken zu lehren, vor allem das richtige Denken in Bezug auf sich selbst. Denn wenn einer nicht geschult darin ist über sich selbst nachzudenken, dann dreht man sich ständig im Kreis und wird leicht depressiv oder melancholisch. Die Philosophie soll uns lehren uns selbst so zu sehen, wie wir andere sehen und so objektivere Urteile zu fällen und zu erkennen, was wir tun müssen, um eine Besserung herbeizuführen.
 
2.)    Die Philosophie dient dazu den Menschen zu befreien, frei von allen Dingen und frei von der Angst, vor allem von jener vor dem Tod, zu machen.
Das richtige Denken soll den Menschen unabhängig von der Kultur und der Meinung anderer machen. Wenn wir richtig denken können, dann gewinnen wir allmählich Vertrauen in unsere eigenen Urteile und befinden uns nicht mehr im Zweifel, wenn andere uns widersprechen. Wir können dann Meinungen auch dann vertreten, wenn wir keinerlei Zustimmung von irgendeinem anderen erhalten. Wissen dieser Art macht auch frei von Angst. Philosophie hat auch sehr viel mit einem gestählten (aber nicht unsensiblen) Geist zu tun. Zu philosophieren heißt auch den Tod zu überwinden, es ist die Kunst sterben zu können noch ehe man lebt, um sein Leben auf eine ganz neue Art wiederzuerhalten, dieses Mal jedoch ohne sich vor dem (physischen) Tod noch im geringsten zu fürchten. Beispiele für todesmutige Philosophen waren Sokrates und Seneca, die beide für ihre Überzeugung, die Wahrheit, starben, ohne zu lamentieren oder auch nur im geringsten einen Versuch zu unternehmen ihr Leben zu retten, auch wenn dies (zumindest in Sokrates Fall) leicht möglich gewesen wäre.
 
3.)    Die Philosophie hat den Zweck die Seele des Menschen zu formen.
Philosophie ist weit mehr als die Schulung des Denkens eines Menschen. Gerade der Charakter spielt eine ganz zentrale Rolle, denn so gut die kognitiven Fähigkeiten auch sein mögen, ohne eine entsprechende Tugendhaftigkeit, sind geistige Höchstleistungen nicht möglich. Charakter und Denken gehen Hand in Hand, ja der Charakter hat den Vorrang der beiden, denn des Menschen Charakter ist sein Schicksal. Menschen „gut“ zu machen, ist ebenso des Philosophen, wie des Theologen Anliegen. Beide dienen damit der Menschheit und Gott, sofern man an diesen glaubt.
 
4.)    Das Ziel der Philosophie ist die Wahrheit zu finden. Insofern gleicht sie dem Glauben.
Die Suche nach der Wahrheit ist das höchste und edelste Bestreben der Philosophie. Aber gerade dieser vierte Punkt ist derjenige, der in unserer Zeit am meisten angegriffen wird und deshalb nicht wenige moderne Philosophen dazu gelangt sind ,die Suche nach dieser Wahrheit, zumindest sofern es sich um eine Absolutheit handeln soll, aufzugeben. Die Suche nach der Wahrheit ist immer noch nicht passé und soll es auch niemals sein. Doch darf man nicht im Namen der Wahrheit Grausamkeiten an den Mitmenschen begehen. Die Wahrheit ist nichts, was einer besitzen kann (ebenso wie Gott), dass er quasi mit sich in der Tasche herumführen kann, um sie als Waffe gegen jeden anderen einzusetzen, der sich ihm widersetzt oder sich ob seiner Einsicht bewundern zu lassen. Mancher vermeintliche Verfechter der Wahrheit ist im Grunde ein Verfechter der Grausamkeit.
 
Auch ist mir hier wichtig festzustellen, dass Philosophie im Grunde keine „Elfenbeinturmbeschäftigung“ ist, sondern eine durch und durch praktische Wissenschaft ist. Auch die Leistung von Philosophen muss an der tatsächlichen Wirkung ihrer Gedanken in der Welt gemessen werden. Selbst der klügste Philosoph versagt, wenn er es nicht fertig bringt in den Geist anderer einzudringen und dort deren Denken zu verändern. Die Leistung der Philosophie als Ganze kann daran gemessen werden, wie gut sie die Menschen zum Denken bringen kann und wie sehr sich das tugendhafte Verhalten der Menschen in der Welt ausbreitet.
 
 

Montag, 1. Oktober 2012

Sich der Realität stellen

Alle Menschen wollen glücklich sein, alle Menschen wollen Erfolg haben und das bedeutet, dass wir auch unweigerlich Macht haben wollen. Macht ist nach Max Weber die Fähigkeit seinen Willen auch gegen Widerspruch durchzusetzen. Macht an sich ist weder gut noch schlecht, das Streben danach selbst ist moralisch weder positiv noch negativ zu bewerten, es ist schlicht und einfach ein natürliches Bestreben der menschlichen Natur. Dieser Tatsache müssen wir uns stellen und sie zu verneinen heißt den Kopf in den Sand zu stecken und von sich selbst etwas abzuspalten, das zu unserem ureigensten Dasein gehört.
 
Menschen sind Lebewesen, die wie alle anderen uns bekannten Daseinsformen versuchen zu überleben, sie versuchen das Leben zu bewahren und auszudehnen, Ressourcen zu akkumulieren und ein Höchstmaß an Lust er erreichen. Auf der anderen Seite ist der Mensch bestrebt alles zu vermeiden, was diesen Zielen abträglich ist, insbesondere ist sein Streben darauf gerichtet Schmerz und Nachteile zu vermeiden. Das zeigt sich etwa darin, dass die Aversion gegen Schmerz etwas doppelt so groß ist, wie das Bestreben nach einem entsprechenden Lustgefühl. Diese Grundvoraussetzung macht die Menschen konservativ und passiv. Wir sind eher darauf bedacht zu bewahren was wir haben, als Neues hinzuzugewinnen und je älter wir werden, desto mehr verstärkt sich diese Haltung noch.

Wer im Leben jedoch Erfolg haben will, der muss den anderen Weg gehen und gegen diese natürliche Tendenz der Absicherung ankämpfen. So sehr es stimmt, dass wir uns nach Sicherheit sehnen, so sehr ist es doch auch richtig, dass wir ein Bedürfnis nach Abenteuer, Abwechslung und Aufregung haben. Im Grunde ist der Mensch darauf aus in seinem Leben alles sein zu können, wozu ihn die Natur befähigt hat. Dummerweise ist diese Grenze nur durch Erfahrung und kaum durch bloßes Nachdenken feststellbar. Was ein Mensch erreichen kann, kann nicht durch theoretisches Studium festgestellt werden. Letztendlich gibt es im Leben eines Menschen nichts Stärkeres, als die persönliche Erfahrung, sie ist die dominante Kraft der eigenen Überzeugungen, gefiltert natürlich durch die Sinngebung, die jedem von uns auf seine ganz eigene Weise gegeben ist.

Um in dieser Welt bestehen zu können, und damit ist nicht das bloße Überleben gemeint, sondern das Erreichen seiner Ziele, ist es notwendig die Dinge von einer anderen Warte aus zu betrachten. Das ist das Gebiet, das unter dem Begriff Strategie zusammengefasst werden kann. Strategie kommt vom Griechischen „strategos“ und bedeutet ursprünglich an der Spitze der Truppen zu stehen. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Begriff ausgedehnt und wird heute in einem Sinne verstanden, der weit über den historischen Kernbereich, der aus der Kunst des Krieges bestand, hinausgeht. In der Politik, der Diplomatie, in Gesellschaften, Institution, Religionen, Künsten, Vereinen, ja sogar in Familien und Beziehungen ist es heute immer öfters notwendig strategisch zu denken und zu handeln, um seine Ziele zu erreichen. Die Begriffe Strategie und Taktik werden oft synonym oder im Allgemeinen recht schlampig verwenden. Dabei handelt es sich meist um eine Verwechslung der Taktik mit der Strategie und nicht umgekehrt. Strategie ist die Summe all jener Überlegungen, die sich mit den höheren psychologischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen, geographischen etc. Umständen befasst und diese im Sinne der Erreichung eines bestimmten Zieles so organisiert, dass unter Aufbringung der geringsten Kosten ein Höchstmaß an Erfolg zu erwarten ist. Die einzelnen Schritte, zum Umsetzung der Strategie werden als Taktik bezeichnet.

Strategie ist nichts Natürliches, es bedarf einer unaufhörlichen Anstrengung sich darauf zu konzentrieren immer mehrere Schritte vorauszudenken und die Bereitschaft aufzubringen kurzfristige Nachteile in Kauf zu nehmen, um ein Ziel zu erreichen. Etwas, das wie eine Niederlage aussieht hinzunehmen, um daraus einen Vorteil zu erhaschen und endlich einen Vorteil zu erringen, gelingt nur demjenigen, der ein größeres Ganzes vor Augen hat, diesen bis ins letzte Detail durchdacht hat und den festen Glauben daran entwickelt hat, dass er reüssieren wird. Um strategisch zu denken muss der Mensch seinen Geist strecken, wie ein Sportler seine Muskel strecken und trainieren muss, um zu den Besten zu gehören. Wer kein Ziel im Leben anstrebt oder Ziel mit einem bloßen Wunsch, der ja nichts anderes als die Vorstellung eines angenehmen Zustandes ist, verwechselt, der wird die Bereitschaft zur echten Zielsetzung und damit zur ernsthaften Beschäftigung damit nicht aufbringen.

Strategie erfordert Glauben. Glauben bedeutet etwas für absolut wahr zu halten, das man nicht sehen kann, die Dinge, die einem Wiederfahren so zu interpretieren, dass sie eine Vorstellung stützen und gegen jeden Widerstand aufrecht zu erhalten, komme er nun von außen oder von den eigenen Gedanken. Gewinnen wird äußerst schwierig, wenn nicht gar beinahe unmöglich, wenn man sich den Sieg nicht einmal vorstellen kann. Ein historisch fast einzigartiges Beispiel für jemand, er an seinen Erfolg glaubte gilt Alexander der Große. Dieser makedonische König und spätere Herrscher über beinahe die gesamte damals bekannte Welt, handelte mit äußerstem Selbstbewusstsein. Das Studium seines Lebens gibt keinen Hinweis darauf, dass er auch nur im Geringsten zweifelte, dass er sich die Möglichkeit einer Niederlage auch nur vorstellen konnte. Auch gibt es kein Anzeichen von Furcht. Das Gefühl der Angst scheint ihm völlig unbekannt gewesen zu sein. Auch im alten Japan galt Furchtlosigkeit als das Ideal eines Samurai-Kriegers. Wird dürfen Mut und Furchtlosigkeit nicht miteinander verwechseln. Mut zu haben bedeutet trotz seiner Angst zu handeln, sie zu überwinden und aktiv zu werden, ja zuweilen sogar gerade das zu tun, vor dem man sich ängstigt. Mut ist nicht selten, überall auf der Welt handeln Menschen mutig und auch im Alltag ist es nicht selten mutige Menschen in Aktion zu sehen. Furchtlosigkeit hingegen ist etwas völlig anderes. Sie bedeutet nicht einmal das Gefühl der Angst zu empfinden und zwar nicht nur dann nicht, wenn man sich ein nachteiliges oder gefährliches Szenario vorstellt, sondern sogar in Gegenwart objektiver Gefahr bis hin zum Verlust des Lebens selbst. Und diese Art von mentaler Haltung war seit jeher eine äußerste Seltenheit und in unsere Zeiten scheint sie geradezu vom Erdboden verschwunden zu sein. Und doch ist es die Furchtlosigkeit, die wir alle anstreben sollten, wenn wir ein Höchstmaß an Erfüllung erleben wollen. Unter Erfüllung verstehe ich ein Zusammenfluss von Glück, Freiheit und Erfolg zu einer einzigartigen Spitze der menschlichen Erfahrung, die durch nichts übertroffen werden kann. Und Strategie bzw. strategisches Denken sind die Werkzeuge, die einen Mann oder ein Frau in diese Höhe emportragen kann.

Lassen wir uns nicht täuschen! Echte Strategen sind sehr selten. Im Allgemeinen haben wir es bei Menschen, die in höherem Maße erfolgreich sind als der Durchschnitt lediglich mit gewieften Taktikern zu tun. Kaum einer ist in der Lage die Dinge zu Ende zu denken, kaum einer hat einen großen Plan, eine Vision, für sein Leben, bzw. für sein Unternehmen, seine Institution, seine Gesellschaft oder seinen Staat. Was wir heute in der Regel beobachten ist nichts anderes als ein herumlavieren, ein sich von einem Hindernis zum anderen vorarbeiten, wobei man jedes Mal hofft, dass man nicht im „Sumpf“ landet. Man ist froh, wenn man wieder eine Runde im wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Kampf überstanden hat. Solche eine Vorgehensweise ist jedoch niederträchtig und ein Zeichen davon, dass man nicht verstanden hat worum es im Leben geht. Ja, ein solches Betrage ist allenfalls Taktik aber niemals eine Strategie.

Gerade dieser Umstand kann dem einzelnen zum großen Vorteil gereichen, der über das Gewöhnliche hinauszublicken vermag, der über jene Dinge im Stillen lacht, die die Welt für einen großen Coup oder einen brillanten Schachzug hält. In einer Zeit, in er die Oberflächlichkeit regiert und Menschen nicht die geistige Energie zur Verfügung haben sich auf eine Sache mit ihrem ganzen Wesen einzulassen, hat derjenige, der sich einer Sache verschrieben hat und seine Kräfte wie bei einem Laserstrahl auf eine Aufgabe konzentriert, einen nicht zu übertreffenden Vorteil.

Die mangelnde Konzentration und Bereitschaft sich einer Sache hinzugeben hat neben der allgemeinen Lebensgewohnheit, die durch permanente Ablenkung und Abhängigkeiten von den verschiedensten Dingen, bestimmt wird, ihre Ursache auch in der Angst selbst. Es handelt sich dabei um jene Angst etwas zu verpassen und sich selbst in einen Bereich einzubringen, der bald schon passé sein könnte. Was für einen Sinn macht es sich in einer sich ständig wandelnden Welt auf etwas zu konzentrieren, Zeit und Energie zu investieren, wenn binnen kürzester Zeit dies alles überholt sein könnte? Das ist eine ängstliche Sicht von Menschen denen es an innerer Stärke und Weitsicht mangelt. So sehr es richtig sein mag, dass sich das äußere Erscheinungsbild ändert – Technologie, Zeitströmungen, Trends etc., sie  sind einem ständigen Wandel unterworfen – so sehr ist es doch auch richtig, dass die der Macht, dem Erfolg und auch dem guten und glücklichen Leben zugrunde liegenden Prinzipien beständig sind und von den äußerer Umständen und Änderungen unbeeinflusst bleiben. Der Grund dafür liegt ganz einfach in der Beschaffenheit der menschlichen Natur. Was soll nun der Mensch in seinem Leben studieren? Was lohnt sich in genaueren Augenschein zu nehmen?

Was nun den Inhalt des Studiums des Menschen anbelangt, so mag man wohl einwenden, dass die Welt voller interessanter Dinge und Phänomene sei. So könne man etwas die Pflanzen, die Natur, den Kosmos oder die Naturgesetze im Allgemeinen untersuchen. Ich hingegen schließe mich hier dem großen Philosophen Michel dem Montaigne, einer der klügsten Franzosen, die gelebt haben, an und meine das rechte Studium für den Menschen ist der Mensch selbst.

Über Realitäten lässt sich viel schreiben (und auch in diesem Blog soll dies eines der Hauptthemen werden). Eine, die ich hier erwähnen möchte, da ich sie für eine der zentralsten halten ist jene, dass des Menschen Charakter sein Schicksal ist! Bereits der griechische Philosoph wusste dies und der große Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sie ebenso vehement vertreten. Nun, dies ist eine unangenehme Wahrheit, bedenkt man sie nämlich zu Ende, dann ergeben sich daraus Konsequenzen, die in der heutigen Zeit auf wenig Zuspruch, dafür auf umso mehr Ablehnung stoßen. Eine Zeitströmung will es nämlich, dass der Mensch ein Produkt seiner Umwelt, seiner Erziehung sei und weiß eine ganze Reihe von „Tätern“ aufzuzählen, die angeblich die Verantwortung dafür trüben, warum die Menschen in jenen Umständen leben, in denen sie sich wiederfänden. Doch der Mensch ist nicht das Produkt der Umstände, sondern die Umstände sind das Produkt des Menschen. Jeder kann den Beweis antreten, dass sich sein Leben verändern lässt und dass sich dadurch auch seine Lebensumstände ändern, indem er seine Gedanken und sein Handeln ändert. Letztendlich ist es doch so, dass wenn der Mensch ein Produkt der Umstände wäre, dann müsste man endlich resignieren und die Dinge hinnehmen, wie sie sind, denn „da kann man eben nichts machen.“ Einzig die politische Aktion wäre dann noch denkbar, doch was bedeutet dies, wenn angeblich alles determiniert ist? Was kann dann wirklich als eine Verbesserung angesehen werden?

Wer etwas eindringlicher darüber nachdenkt wird schnell erkennen, dass deterministische Ideen Unsinn. Zwar ist der Mensch niemals frei von Umständen, doch er ist immer frei sie zu gestalten und am allerfreisten ist er in seiner Fähigkeit den Dingen seine eigene Bedeutung beizumessen. Die Dinge in der Welt sind völlig neutral, Gut und Böse sind Urteile, keine Fakten, wenngleich wir sie meist als solche behandeln (und uns dessen nicht bewusst sind). Sie sind Etiketten, die wir auf die Dinge der Welt in unserem Geiste kleben und dann behandeln, als ob sie eine Eigenschaft der Dinge selbst wären. Meist ist der Mensch in seine Wertung recht primitiv. Gut ist, was sich für uns gut anfühlt, schlecht ist, was sich für uns schlecht anfühlt. Dass ein anderer genau die entgegengesetzte Ansicht vertreten mag, entgeht uns entweder oder wir bezeichnen dessen Urteil schlicht und einfach als falsch oder ihn als dumm, irregeleitet etc. Aber wie kann man etwas als schlecht bezeichnen, wo es doch andere Menschen gibt, die dieselbe Sache als gut bezeichnen? Im Grunde ist es so, dass wir durchaus das Recht haben etwas als gut oder schlecht anzusehen, das sie an sich ja niemals Gut oder Böse gewesen hätte sein können, doch wir dürfen niemals von Gut oder Böse als Fakten sprechen, das wäre der Realität nicht angemessen.

Realität ist die Welt, wie sie an sich ist. Nachdem wir Menschen sind und die Umwelt durch unsere Sinnesorgane wahrnehmen, können wir niemals wissen, wie die Dinge an sich wirklich sind. All unsere Wahrnehmungen erreichen uns nur indirekt und sind zudem noch durch unsere Emotionen, Gedanken, vorgefasste Meinungen etc. gefiltert. Wir müssen also zu der Überzeugung gelangen, dass wir niemals sagen können, wie die Welt an sich ist. Trotzdem sind wir nicht völlig blind und wir tappen auch nicht völlig unwissend durch die Welt. Wir sind nicht unwissend, wir wissen etwas, aber wir wissen nicht alles! Das scheint es zu sein, was wir mit ziemlicher Sicherheit sagen können. Eines ist jedoch gewiss: Je weniger wir von unseren Wünschen, unseren Meinungen und Emotionen beherrscht werden, desto näher kommen wir dieser absoluten Realität (sprich wie die Dinge an sich sind). Und das verschafft uns einen Vorteil gegenüber jenen Menschen, die zu dieser Klarheit des Geistes nicht gelangt sind. Deshalb sollten wir uns bemühen dieser Klarheit so nahe als möglich zu kommen. Dieses Blog möchte dazu beitragen die Dinge so zu sehen wie sie sind – eine Sicht des ultimativen Realismus zu fördern sozusagen. Und nur auf der Grundlage der klaren Sicht macht es auch Sinn eine Strategie für sein Leben und für einzelne Bereiche daraus zu entwickeln. Strategie ist im Kern immer psychologisch, sie richtet sich darauf Menschen zu erobern, nicht Dinge. Wenn sie sich auf Dinge richtet, dann immer nur, um dabei etwas im Sozialen zu erreichen. Daraus leitet sich auch ab, dass unser Studium vor allem dem Menschen selbst und seinen sozialen Interaktionen gelten muss. Strategie ist nicht materialistisch, sondern lebensbezogen und im Bereich des Menschen sozial.

Manche meinen die Welt sei viel zu gefährlich, als dass man sich ihr in seiner vollen Aufmarschbreite stellen könne, der Schmerz wäre überwältigend und eine gewisse Art der Distanz und in einigen Fällen sogar der Betäubung (Alkohol, Drogen, billige Unterhaltung, Internet, etc.) notwendig für den modernen Menschen, um seinen Seelenfrieden zu bewahren. Solches Denken entspringt einer grundsätzlichen Ängstlichkeit, zuweilen sogar einer Lebensuntauglichkeit. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Sich der Realität zu stellen befreit, selbst wenn die Umstände scheußlich sein sollten, wenn Schmerz und Verlust damit verbunden sind. Die Ungewissheit ist ein weitaus größeres Übel, als das bewusste Übel, das man kennt. Die Macht und die Möglichkeit zu Handeln ergeben sich niemals aus Betäubung, sondern immer nur aus der klaren Sicht. Und hat man sich erst einmal daran gewöhnt sich permanent der Realität zu stellen, so möchte man nie mehr zurückfallen in ein Stadium, in dem man sich in trauter Gemütlichkeit suhlt, in Friedhofsnähe pfeift und sich wünscht die Umstände wäre anders. Die Welt ist dann wie sie ist und erfüllt einen wie immer sie auch erscheinen mag mit Kraft und Entschlossenheit alles zu tun, um Erfolg zu haben.

Das soziale Spiel um die Macht zu beherrschen ist letztendlich etwas, das unsere Welt zu einem besseren Ort macht, das uns zu besseren Chefs, Mitarbeitern, Ehegatten, Lehrern, Freunden und Staatsbürgern macht. Es sind nicht die Starken, die der Welt Probleme bereiten, nicht jene, die um die Natur des Menschen und deren Behandlung wissen, sondern jene, die sich nicht der Realität stellen wollen und mehr an das glauben, was sich in ihrem Kopf abspielt, als sie mit ihrem Sinnen in ihrer Umwelt wahrnehmen können. Caesars berühmtes „civis pacem para bellum“ wird in der heutigen Zeit meist zynisch aufgefasst, als ein Relikt aus alten Tagen, aus einer weniger zivilisierten und barbarischen Zeit der Menschheitsgeschichte, über die die meisten Zeitgenossen die Nase rümpfen. Doch diese Aussage birgt eine tiefe Wahrheit in sich, eine Wahrheit, die die Welt von heute nicht sehen will. Auch wenn es nicht gerne gehört wird: Das Studium der Macht und der Kriegskunst hat in ihrem Kern den Sinn für Frieden zu sorgen und nicht für den Krieg. Der edelste Krieg ist jener, der niemals stattfindet, der keine Toten und Verwundeten fordert und keine Frauen zu Witwen und keine Kinder zu Waisen macht.

Freitag, 28. September 2012

Der Mensch des 21. Jahrhunderts

Was bedeutet es Mensch zu sein? Mensch im eigentlichen Sinne, so wie es den Potentialitäten entspricht, die im Neugeborenen angelegt sind? Ist ein Kind überhaupt ein solcher Mensch, oder ist in ihm nur das Potential des wahren Menschseins angelegt und muss erst entwickelt werden?

Viele Fragen, die man sich beizeiten stellen mag, dazu angetan das Wesen der eigenen Spezies zu erforschen, in den Tiefen des Daseins nach Ecken und Höhlen zu suchen, die bislang verborgen gewesen sind und, so, die bescheidene Hoffnung, helfen mögen, Licht in die Dunkelheit der eigenen Unkenntnis, des eigenen Unwissens zu tragen.

`Gnoti seautòn´ fordert uns der Tempel des Orakels zu Delphi auf, nach Michel de Montaigne ist der Mensch das richtige Studium für den Menschen und Goethe lässt Faust die Frage danach stellen, was die Welt im innersten zusammenhält. Es ist auch die Frage, die die vier apokalyptischen Reiter stellen: "Krieg oder Frieden?", "Krankheit oder Gesundheit?", und für den Psychiater Berne war es die Frage: "Was sagen Sie, nachdem Sie `Guten Tag´ gesagt haben?" Ein wirklicher Mensch ist eine Person, die auf vernünftige und vertrauenserweckende Weise spontan handelt und dabei auch entsprechend Rücksicht auf andere Menschen nimmt. Jemand, der einer Formel folgt, ist im Grunde eine nicht-wirkliche, wenn nicht gar eine unwirkliche Person. Solche Personen machen aber den Großteil der Menschheit aus! Zur konkretisierten und erweiterten Definition gelangt man, wenn man dem soeben Gesagten noch weiteres hinzufügt. So hat der tadellos gesunde, glückliche Mensch auch keine Sexual- oder Nahrungsbedürfnisse, ebenso wie keine Sicherheits-, Liebes-, Prestige- oder Selbstachtungsbedürfnisse, außer in schnell vorübergehenden Augenblicken der momentanen Bedrohung. Die Triebe des Menschen sind entgegen der weit verbreiteten Ansicht sehr schwach ausgebildet. Triebe gelten lediglich als akzeptierte Entschuldigungen für Handlungen, die der gesellschaftlichen Norm zuwiderlaufen. Denn nichts erregt den Zorn so sehr, wie das offene Eingeständnis der bösen Absicht. Schon Kinder lernen an der oberflächlichen Moral der Erwachsenen, dass nicht so sehr unmoralisches Handeln abgelehnt wird, sondern lediglich die böse Absicht. Man verzeiht fast jedes Übel, jede Handlung, wenn sie `in guter Absicht´ begangen wurde.

Der gesunde Mensch ist primär vom Bedürfnis motiviert seine vollen Fähigkeiten und Potentiale zu entwickeln und zu verwirklichen. Wahrhaft psychologische Freiheit ist es im Umgang mit der Umwelt, diese primär als Mittel für seine selbstverwirklichenden Zwecke zu betrachten. Die Ziele und die eigene Natur sind die Determinanten dabei die Umwelt in entsprechender Weise einzusetzen. Die wahre Frage und die entsprechende Aufgabe für den Einzelnen, ist nicht, wie man ein echter Mensch wird, sonder, was der Mensch nur alles tut, um eben nicht ein solcher zu sein. Das Wachstum des Menschen wird derart korrumpiert, bereits von Kindes Beinen an, dass man sich wundern muss, dass die Gesellschaft überhaupt irgendwie funktionieren kann. Die wahre Natur des Menschen ist rein und gut (was allerdings die Möglichkeit zum bösen Handeln nicht ausschließt), nur sind echte Menschen so gefürchtet, dass alles unternommen wird, damit das Kind sich nicht zu einer wahren Person entwickeln kann. Echte Menschen haben Respekt vor sich selbst und vor anderen, sie befriedigen ihre Bedürfnisse und zeigen keinerlei Anzeichen von Neurosen. Neurotisches Verhalten ist jedoch zu einem Großteil Standard unter den Menschen und gilt als normal. Wer wirklich gesund ist, gilt als Außenseiter. Jede Neurose hat als Basis eine Angst. Jeder Mensch hat auf irgendeinem Gebiet Angst Anforderungen nicht zu genügen. Eine vorgeschobene Schwäche oder Unfähigkeit befreit den Einzelnen davon, dass eine entsprechende Forderung an ihn gestellt wird. Wozu aber all der Aufwand? Wozu die Seelenqual? Man läuft nicht Gefahr Status zu verlieren!

Unsere Welt ist sehr kritisch gegenüber aktiven Menschen und solchen, die die Dinge selbst in die Hand nehmen und verbessern wollen. Scheitern bedeutet versagen und damit oft ein Verlust an Ansehen. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen und sein Wunsch nach Dazugehörigkeit und Achtung sehr groß. Viele Taten der Menschen, vielleicht sogar die meisten, dienen nicht der Selbstverwirklichung, sondern dem Prestige. Welch ein Unsinn! Es entsteht eine Hackordnung, die vielleicht für Hühner angemessen ist, aber für die entwickelte Stufe eines Menschen völlig verfehlt - ja geradezu absurd ist. Die Würde des Menschen verbietet derartiges Treiben! Dabei schwingt immer die Angst mit, denn ein Scheitern bewirkt genau das Gegenteil, es führt zur Angst vor Verlust, von Status. Wer von der Meinung anderer abhängig ist, wird niemals frei und vor allem nicht glücklich sein. Äußere Dinge, wie Achtung, Liebe, Geld, Macht, etc., sind immer in Gefahr, auch der Glaube an Dinge vor allem sämtliche Ideologien und Philosophien, die der Mensch sich im Laufe der Zeit gebildet hat, gehört dazu Für Sicherheit gibt er nur eine einzige wirkliche Basis und die findet sich im Inneren des Menschen. Der Glaube an uns selbst, an unsere Kraft und Fähigkeit, auf alles, was geschieht möglichst gut zu reagieren, uns ruhig dem zu stellen, was auf uns zukommt, ist die einzige Basis eines wahren Seichtheitsgefühls! Doch auch dieses Gefühl kann sich nicht auf uns, so wie wir in der Welt stehen alleine beziehen, sondern braucht immer einen Kontakt zur Quelle allen Lebens. Wer alles hat, ohne es zu begehren, wer liebt, ohne sich um Liebe zu kümmern, wer Erfolg hat, ohne dass Erfolg ihm etwas bedeutet, wer als kranker, einsamer Bettler genau so intensiv und glücklich lebt, wie als gesunder, beliebter Millionär, der lebet wirklich als wahrer Mensch. Der Mensch selbst ist das Maß aller Dinge.

Ein großer Psychiater antwortete auf die Frage einer Patientin, wie sie denn gesund werden könne einfach damit, dass er ihr riet sie solle sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Drei Punkte sind es, die man wiedererlangen muss, um ein völlig freier Mensch zu sein. Wiedererlangen deshalb, weil wir sie bereits alle besaßen, in frühester Kindheit. Es sind dies: Bewusstsein, Spontaneität und Intimität.

Unter der Bewusstheit ist zu verstehen, dass der Mensch lernt die Welt wieder auf seine ganz eigene, einzigartige Weise wahrzunehmen. Denn durch die Erziehung lernen wir nicht nur, was wir tun sollen, sondern wie wir denken und die Welt wahrnehmen. So unglaublich es klingt: Wir sehen die Welt nicht so, wie wir sie eigentlich individuell sehen würden, sondern wie wir gelernt haben sie zu sehen! Sobald wir die Dinge beim Namen nennen, sind sie dadurch anders geworden, als davor, als wir keine Bezeichnung hatten. Wenn ich eine Rose, Rose nenne, so ist sie damit bereits normiert und meine Wahrnehmung ist verändert.

Die Bewusstheit zwingt den Menschen im hier und jetzt zu leben. Nicht mehr Vergangenheit und Zukunft kämpfen um den Platz im Geiste, sondern der direkt erlebte Moment füllt ihn dann völlig aus. Die Welt hat sich dadurch dann völlig gewandelt. Der bewusste Mensch ist lebendig und ist sich bewusst, was er empfindet, wo er ist und in welcher Zeit er lebt. Er kennt die Vergänglichkeit und deshalb ist ihm der gegenwärtige Augenblick so kostbar, denn er könnte sein letzter sein.

Alsdann kommt die Spontaneität als zweite Voraussetzung des echten Menschen. Sie ist die Freiheit, seine Empfindungen aus dem verfügbaren Assortiment auszuwählen und auszudrücken. Es ist die Befreiung davon einer Formel, einem Drehbuch, zu folgen und nur Empfindungen auszudrücken, die einem von anderen beigebracht wurden. Das Verhalten eines spontanen Menschen kann nicht vorhergesehen werden. Ein solcher Mensch kann von niemandem beherrscht werden, deshalb ist er von vielen so gefürchtet. Er ist ein wahrer Demokrat, der die Herrschaft von Menschen über andere Menschen nicht kennt, ja geradezu für lächerlich hält.

Als letzter Punkt ist die Intimität zu nennen. Es ist eine spontane, nicht spielanfällige Offenheit eines bewussten Menschen, die Freisetzung des mit eidetischer Wahrnehmung begabten, unkorrumpierten Kindheits-Ichs, das mit seiner ganzen Naivität im Hier und Heute lebt.

Die Erringung dieser Autonomie ist alles andere als leicht. Es dürfte überhaupt nur möglich sein, wenn in der frühen Kindheit eine entsprechende autonome Entscheidung getroffen wurde. Trotzdem halten es auch einige für möglich, dass es so etwas wie einen echten, das heißt nicht im Lebensplan beinhalteten, Bannbruch gäbe. Eine erfolgreiche Intervention von außen könne eine endgültige Befreiung herbeiführen. Ich gehöre ebenso zu dieser Gruppe. Man befindet sich aber gewaltig im Irrtum, wenn man glaubt über sich selbst urteilen zu müssen, wenn man hart mit sich selbst ins Gericht fährt. Selbstkritik führt nur zu einem inneren Kampf und solche Kämpfe haben nie einen Sieger. Es ist dem Menschen völlig unmöglich sich zu "beherrschen". Denn alles, was man tut, das will man auch. Wir müssen uns eingestehen, dass das, was wir glauben zu wollen, nicht das ist, was wir wirklich wollen, wenn wir anders handeln, als es ebendieser Meinung entspricht. Durch die Handlungen offenbaren sich die wahren Absichten. Das erfolgreiche "Beherrschen" ist nur ein Scheinsieg, denn dies gelingt uns nur, wenn es ebenso ohne Kampf möglich gewesen wäre. Was wir brauchen ist nicht die Beherrschung, sondern das Entwickeln von ehrlichen Absichten!

Wer gut sein will, ist es nur dann, wenn man dies an seinen Handlungen, nicht an seinen Worten, sieht. Eine mit dem Menschsein eng in Verbindung stehende Frage, ist jene nach dem Glück. Alle Welt strebt nach Glück, doch verhält es sich damit meist ganz anders, als die meisten annehmen. Glück ist kein Selbstzweck. Glück ist etwa der Zustand, wenn auf dem „Armaturenbrett unseres Geistes“ alle Lichter auf grün stehen und der Betrieb des „Bioapparates“ Mensch einwandfrei läuft. Glück ist etwas, das sich durch ein richtig gelebtes Leben einstellt, nicht etwas, das es an sich anzustreben gilt! Wie erreicht man nun Glück? Die Antwort darauf ist recht einfach: Glück stellt sich ein, wenn der Mensch optimal gefordert ist! Der Mensch wächst wie jede Pflanze, wie jedes Tier, und ist Schöpfer und Geschöpf gleichzeitig im Rahmen einer sich (scheinbar) immer schneller abspielenden Entwicklung. Stagniert der Mensch und wächst nicht mehr weiter, so treiben die Kräfte des Lebens ihn zum Unglücklichsein. Ebenso verhält es sich bei zu schnellem, chaotischem Wachstum, das den Organismus überfordert. In beiden Fällen versagt sich das Glück und der Mensch ist angehalten sein Leben zu ändern.

Reagiert der Mensch dann auf solch einen Zustand über längere Zeit hinweg nicht, oder nicht richtig, so stellt sich die eine oder andere Störung ein. Am häufigsten sind Neurosen. Es entsteht ein Verhalten, das untauglich ist, um mit einer Situation fertig zu werden, das jedoch eine sofortige Erleichterung für den Organismus bedeutet und der Person ein, wenn auch nur vorübergehendes, angenehmes Gefühl beschert. Süchte sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich jemand der Bewältigung einer Sache entzieht, um in seine eigene angenehme Welt zu entkommen. Auch vermeidendes Verhalten gehört hierher.

Es besteht bei Nichtbewältigung auch die Möglichkeit der Entwicklung von Psychosen. Der Einzelne weiß, anders als die meisten Neurotiker, gar nicht mehr, dass er gestört ist. Er lebt dann in einer eigenen Welt. Die Basis von Psychosen stellt stets ein sehr starkes Gefühl der Trennung von der Welt und anderen dar. Die Individualpsychologen, allen voran Adler und Dreikurs, würden sagen, es mangle ihnen an Gemeinschaftsgefühl.

Daneben sind auch andere psychopathische Erscheinungen möglich. Man sieht also, dass das Glück, das man empfindet einem einen guten Hinweis darauf geben kann, wie es mit der eigenen Entwicklung, dem eigenen Wachstum, aussieht. Ein gesunder Mensch ist einer, der zur Befriedigung seiner Bedürfnisse taugliche Mittel wählt, also keine Pseudobefriedigung oder neurotische Verhaltensweisen. Hat man Hunger, so muss man eben essen und nicht sich eine Zigarette anzünden!  Man kann auch sagen, dass ein wahrer Mensch einer ist, der sich mit dem Sinn des Lebens im Einklang befindet. Spricht man vom Sinn des Lebens, dann kann damit zweierlei gemeint sein. Erstens versteht man darunter den Sinn, den der Einzelne in seinem Leben sucht. Dieser ist eng mit den Meinungen verbunden, die der Einzelne von sich und der Welt hat. Diese Meinungen sind dem Menschen meist nicht bewusst und sie können vor allem nicht den Selbstbetrachtungen entnommen werden. Nur der Lebensstil, das tatsächliche Tun, lässt die wahren Meinungen eines Menschen erkennen.

Zweitens aber versteht man unter dem "Sinn des Lebens", den wahren, "außerhalb unserer Erfahrung" liegenden Sinn. Dieser wahre Sinn des Lebens zeigt sich in dem Widerstand, der sich dem unrichtig handelnden Individuum entgegenstemmt! Der Mensch, der so handelt wird neurotisch, psychotisch, pervers, süchtig oder kriminell. Der Gesunde lebt in der Realität, es gibt zwischen ihm und der Welt keine Trennung. Er lebt in der wunderbaren Welt des blühenden Seins, ist sich seiner selbst völlig sicher, kennt seinen Platz in der Welt und hat nichts zu beweisen. Ja, es erscheint ihm lächerlich einen Platz, einen Status, beweisen, erwerben zu wollen, da er weiß, dass jeder Mensch seinen Wert hat, indem er ist, indem er den Platz, den er gerade in der Schöpfung innehat ausfüllt. Überlegenheit und Unterlegenheit sind bloße Phantasien, keine Realität. Man sieht also, dass der Mensch dann denn Sinn findet und verwirklicht, wenn er "mit dem Fluss" geht, wenn er sich mit dem Strom bewegt, der seit Anbeginn der Zeit sich fortbewegt und das Leben entfaltet. Wir können diesen Weg Entfaltung der Schöpfung nennen. Sinnvoll ist ein menschliches Leben dann, wenn es vom Wohl des Universums geleitet wird, wenn der einzelne sein Tun so gestaltet, dass es sich harmonisch in das größere Ganze einfügt und zum Wohle allen Seins beiträgt. Die Idee ist keinesfalls neu. Sie war den alten Griechen ebenso bekannt, wie den alten Chinesen. Bei diesen nannte man es das Tao. Aber eben dieses Tao muss absichtslos verwirklicht werden und was man das Tao nennen kann, das ist nicht das wahre Tao, heißt es im Tao-te-king, das dem Altmeister Lao-Tse zugeschrieben wird. Doch Vorsicht! Das „Tao“ stellt nur einen Teil der Wahrheit da, es kann einen sehr leicht in die Irre führe, vor allem, wenn daraus ein Götzendienst wird. Das wahre Wesen der Schöpfung liegt in einer anderen Richtung.

Was wir im 21. Jahrhundert brauchen ist ein Mensch, der die Freiheit, die ihm im Äußeren bereits gegeben ist, auch innerlich annimmt und lebt, der sich selbst verwirklicht. Selbstverwirklichung bedeutet jedoch nicht rücksichtsloses Durchsetzen des eigenen Willens, sondern Entfaltung der eigenen Potentialitäten zum Wohle eines größeren Ganzen. Unter dieser Voraussetzung stimmt auch Adam Smith's Annahme, dass die Verfolgung des eigenen Vorteils insgesamt ein gesundes Gemeinwesen hervorbrächte.

Das Ideal des Mittelalters war der religiöse Mensch, in der Renaissance war es der gebildete Mensch, im 20. Jahrhundert bildete das Ideal lange Zeit der heroische Mensch, wie ihn etwa Nietzsche beschrieb oder auch der ökonomische Mensch. Was wir heute brauchen ist das Ideal des gesunden Menschen. Der gesunde Mensch ist vor allem auch ein spiritueller Mensch (nicht zu verwechseln mit dem religiösen Menschen). Gesund vor allem im psychologischen Sinne: frei von Neurosen, Psychosen, Süchten, Perversionen etc. Die Zeit, in der sich der Mensch leisten konnte einer Formel zu folgen, nicht spontan und nicht vernünftig zu sein, neigt sich dem Ende zu. In Zukunft wird Erfolg für das Individuum, wie für die gesamte Menschheit von der psychischen Gesundheit abhängen. Ein Rückschritt in autokratische Zeiten, wo der Mensch über den Menschen herrschte, wäre fatal und bedeutete möglicherweise das Aus für die Menschheit. Längst sind Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Gleichheit zur Überlebensfrage geworden und sind nicht eine Frage des politischen Geschmackes.

Wer immer einen Beitrag in diese Richtung leistet, trägt zur Reduktion der Entropien im Universum bei und dient damit der Schöpfung. Egal, was für den einzelnen auch der persönliche Beweggrund sein mag, dem Gemeinschaftsgefühl zu dienen, es auf der Welt zu stärken, leistet Großartiges. Dessen sei man sich stets bewusst.

     Deshalb kann man wohl sagen: "Handle stets so, als ob die Zukunft des ganzen Universums davon abhinge und dann lache über dich selbst, weil du glaubst, dass irgendetwas, das du tust irgendeinen Unterschied macht."