Freitag, 29. November 2013

Das Ringen um die Ukraine

I. DIE ÜBERRASCHUNG
 
Es war für die Europäische Union eine Überraschung, so wurde zumindest verkündet, als am 22. November der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch bekanntgab, dass er das seit langem geplante Assoziierungsabkommen seines Landes mit der EU nicht unterzeichnen werde. Die Unterzeichnung war für den kommenden Freitag auf der Ostkonferenz der EU in der litauischen Hauptstadt Vilnius vorgesehen. Gleich nach der Bekanntgabe der Nichtunterzeichnung, verkündete die Regierung, sie werde sich nun aktiver Russland und der von ihm geführten Zollunion zuwenden.

Das abgelehnte Abkommen, dass eine weiter Annäherung der Ukraine an die EU bringen sollte, war bereits seit Jahren vorbereitet worden und stand schon mehrmals kurz vor der  Unterzeichnung. Ein Hin- und Her zwischen Kiew und Brüssel, das sich vor allem über das ganze Jahre 2013 hinzog, war dem vorausgegangen, bis nun Ende November die Sache vorerst auf Eis gelegt wurde. Die ukrainischen Polit-Spitzen beteuerten allesamt, sie wollten weiterhin an einer Zusammenarbeit mit der EU festhalten und wünschten sich für die Zukunft immer noch die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens. Man ließ verlautbaren, dass wirtschaftliche Interessen den Ausschlag gegeben hätten (Russland hatte für den Fall der Unterzeichnung des Abkommens mit Handelssanktionen gedroht - 160 Mrd. Doller Verlust, für den die EU keine Kompensation anbieten konnte), sowie der darüber hinausgehende außenpolitische Druck, der von Moskau ausgeübt worden wäre. Die ukrainische Opposition schäumte vor Empörung und buhte die Regierung im Parlament mit "Schande-Rufen" aus; auf der Straße schürte sie zudem den Protest der Menschen. Auch die EU-Spitzen, allen voran Manuel Barroso und Herman van Rompuy, richteten ungewohnt scharfe Worte an Moskau für dessen Einflussnahme auf die Ukraine, was freilich zu keiner Änderung der dortigen Haltung führte.

Julia Timoschenko, die 2011 wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte Ex-Regierungschefin der Ukraine, die sich besonders im Westen großer Popularität erfreut, reagierte mit einem Schreiben, das ihr Anwalt veröffentlichte, auf die Absage der Regierung und trat in einen unbefristeten Hungerstreik. Sie rief die Ukrainer auf, auf die Straße zu gehen und für die Unterzeichnung des Abkommens zu demonstrieren. Bereits am Sonntag, den 24. November versammelten sich tausende Menschen vor dem Regierungssitz in Kiew. Die Proteste setzten sich in den kommenden Tagen weiter fort; doch es blieb dabei,  dass das Assoziierungs- und Freihandelsabkommen nicht unterzeichnet wurde.


II. INTERPRETATION


Am Beispiel der Ukraine zeigt sich die Bruchlinie zwischen zwei globalen Machtblöcken, der Europäischen Union einerseits und der Russischen Föderation andererseits. Diese Linie geht direkt durch den Staat, der gegen Westen hin hauptsächlich von Ukrainern, gegen Osten hin mehrheitlich jedoch von Russen bewohnt wird. Keine Frage, Russland ist auf dem Weg wieder zu einem "Reich" zu werden und in Anbetracht der globalen Entwicklung ist dieses Bestreben alles andere als verwunderlich. Es zeigt sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich eine große Verschiebung von Machtblöcken weltweit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand ein Machtvakuum, das, wie meist, zu Chaos führte und eine Menge neuer Staaten auf der internationalen Bühne erscheinen ließ, die vormals Teilrepubliken der UdSSR gewesen waren. Ebenso lösten sich die  Staaten Osteuropas größtenteils aus dem russischen Einflussbereich und beeilten sich, sich der EU anzuschließen bzw. Partnerabkommen mit ihr zu vereinbaren, da ihnen langfristig klar sein musste, dass Russland wieder erstarken würde. Bis dahin wollte man vollendete Tatsachen schaffen, um nicht wieder in den Bereich russischer Machtinteressen zu gelangen. Was die Ukraine betrifft, so war diese jahrhundertelang russisch und ihre Unabhängigkeit ein historisch recht junges Faktum.  Präsident Putin hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass der Zerfall der Sowjetunion von ihm als eine große Tragödie betrachtet wurde. Bestrebungen die nationale Größe und die Selbstachtung Russlands wieder herzustellen sind deshalb als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten.  Die Ukraine ist flächenmäßig ein europäischer Riese, verfügt über große Rohstoffvorkommen (vor allem Eisenerz) und stellt strategisch eine Schlüsselposition in Osteuropa dar. Es ist bei weitem das wichtigste Transitland für Öl und Gas aus Russland und Zentralsien in Richtung Westen. Ein Land von derartiger Bedeutung kann den beiden großen  Machtblöcken, die jeweils im Westen (EU) und im Osten (Russische Föderation) liegen, nicht gleichgültig sein.

Die Bevölkerung in der Ukraine selbst ist geteilt. Die Menschen im Westen des Landes, der größtenteils landwirtschaftlich geprägt ist, und historische Beziehungen zum Westen (Österreich-Ungarn, Polen) hatte, strebt eine starke Annäherung an die EU an (Dreiviertel der Bevölkerung), während die Mehrheit der Menschen im von Bergbau und Schwerindustrie geprägten Osten, ethnische Russen sind und sich an den großen Bruder anlehnen wollen (etwa 60 Prozent der dortigen Bevölkerung). Umfragen deuten jedoch darauf hin, dass die Ablehnung des Abkommens mit der EU durch Präsident Janukowitsch ihm bei den Ukrainern eher  geschadet als genützt hat; die Opposition verfügt im Augenblick über eine deutliche Mehrheit. Die nächsten Präsidentschaftswahlen finden im Jahr 2015 statt.
 
Das zur Unterzeichnung bereit stehende Assoziierungs- und Freihandelsabkommen hätte neben vielen wirtschaftlichen und  politischen Bestimmungen auch eine enge militärische Zusammenarbeit mit der Europäischen Union beinhaltet. Dass Russland einer solchen Regelung nicht nur nicht zustimmen, sondern nicht einmal dulden kann, versteht sich von selbst. Denn gerade die militärische
Zusammenarbeit der Ukraine mit Russland wurde in jüngerer Vergangenheit intensiviert. So verfügt Russland mit seiner Marine über die Kriegshäfen auf der Krim, die geographisch zur Ukraine gehört (aber wie lange noch?)..
Keine Frage, dass die Ukraine sich entscheiden muss; es wäre naiv zu glauben man könne beides haben: eine enge Allianz mit Russland und der Europäischen Union. Es ist das alte "man kann nicht zwei Herren dienen".  Es ist verständlich, dass das Land versuchte seinen politischen Preis in die Höhe zu treiben, doch ebenso wäre es naiv gewesen ernsthaft zu erwarten, dass die Ukraine aus dem russischen Einflussbereich herausgelöst und an die EU herangeführt werden könnte.  Russland hatte in der Vergangenheit bereits öfters seine Muskeln gezeigt und mitten im Winter (Anfang Jänner) für  mehr als eine Woche die Gaslieferungen durch die Ukraine eingestellt. Im Westen brach damals bereits eine kleine Panik aus - zum Glück waren noch genügend Reserven vorhanden. Doch die Botschaft aus Moskau war eindeutig: wenn der Streit auch in erster Linie wie eine Angelegenheit zwischen der Urkaine und Russsland aussah (die Ukraine konnte sich mit Russland auf den Gaspreis nicht einigen), war die Demonstration doch auch unmissverständlich an den Westen gerichtet. Europa wurde deutlich vor Augen geführt wozu Russland in der Lage ist und auch dass es auch den Willen hat buchstäblich den "Hahn" zuzudrehen,  sollte dies aus russischer Sicht erforderlich sein. Je näher ein Staat Russland politisch steht, desto geringer ist der Preis, den das Land für russische Rohstoffe zu bezahlen hat. Weißrussland, das sehr eng an Russland angebunden ist, bezahlt  etwa weit weniger als die Hälfte für dieselbe Menge Erdgas, als die dem Westen näher stehende Ukraine. Solche Preisunterschiede sind freilich nicht alleine auf geographische oder wirtschaftliche Unterschiede zurückzuführen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Russland seinen Nachbarn zeigt wohin sie gehören, zeigte sich im kurzen Georgienkrieg von 2008. Die Botschaft wurde offenbar verstanden und die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken haben nun kein Interesse mehr an einer größeren Annäherung an die EU, unter anderem auch aufgrund der jüngsten wirtschaftlichen Probleme der Union, die diese weitaus unattraktiver gemacht haben, als noch vor ein paar Jahren. Zudem darf nicht vergessen werden, dass es für die meisten Regierungen in dieser Region weitaus angenehmer ist mit Moskau, als mit Brüssel ins Gespräch zu kommen: Penetrantes Moralisieren und lästige Fragen in Bezug auf Demokratieentwicklung und dergleichen, sind vom Kreml weniger zu erwarten. So gibt es am Rande Russland heute eine ganze Reihe von Staaten, die relativ instabil sind und deren Konflkite auf Eis gelegt sind aber weit davon entfernt sich gelöst zu sein oder sich im Lösungsprozess zu befinden.
 
In Präsident Putin erkennt man einen Staatsmann, der sich seiner Macht bewusst ist, ein Merkmal von wahren Führungspersönlichkeiten, das den europäischen Politikern heutzutage größtenteils abhanden gekommen zu sein scheint. Ja, man hat geradezu den Eindruck, dass Machtbewusstsein als etwas Unmoralisches oder gar Böses angesehen wird. Das Gegenteil ist der Fall; wer Macht hat und sie versucht vor der Öffentlichkeit herunterzuspielen ist nichts als ein Schmierenkömodiant und verdient keinen Respekt. Darüberhinaus ist die menschliche Natur so eingerichtet, dass es uns nicht möglich ist einen Menschen der schwach ist oder sich schwach stellt zu respektieren - allenfalls gibt es dafür Mitleid. Hier liegt einer der Gründe für das miserable Ansehen der Politiker in Europa. Wer an die Macht gekommen ist, versteht die  Mechanismen, die dazu führten sehr gut und dies zu verbergen zu versuchen, ist etwas, das einem die Menschen nicht "abkaufen". Ein Teil des lähmenden Zynismus, der unserer Zeit kennzeichnet, kommt eben daher, dass Mächtige ein Bild von sich präsentieren, das sie als an der  Macht nicht interessiert zeigt und den Anschein erwecken will mehr durch Zufall auf einen Posten gelangt zu sein und mehr noch, dass im Grunde jeder dasselbe tun könnte. Nichts könnte der  Wahrheit ferner sein: Macht zu verbergen ist ein Schauspiel, genauso, wie es großer Geschicklichkeit bedarf, um wahre Geschicklichkeit zu verbergen. Bei den Menschen aber führt dies zu Unsicherheit und teilweise zu Angst, die sich eben in Zynismus äußert.  Was folgt nun aus all dem für unseren Fal?. Die Ukraine gilt als Herzstück des 2009 auf Initiative von Schweden und Polen begonnenen Ostpartnerschaften-Projekts. Dass das Land nun die Verhandlungen auf Eis gelegt hat, muss als große Schlappe der EU gewertet werden. Diese Runde geht eindeutig an Russland. Die Ukraine hat sich für die wirtschaftlichen Vorteile entschieden - alle nun abgegebenen politischen Erklärungen dienen lediglich dazu diese, für viele Menschen unangenehme, Tatsache zu verkaufen und die Verantwortung von sich zu weisen.


III. ÜBERLEGUNGEN FÜR DIE EUROPÄISCHE UNION

Die EU muss sich ihrer Interessen stärker bewusst werden und diese auch der eigenen Bevölkerung vermitteln. Die europäischen Politiker sprechen zu wenig über Macht  und Interessen der eigenen Gemeinschaft und zuviel über moralische Aspekte, wobei die Bedürfnisse der Menschen viel handfesterer Natur sind, als irgendwelche hochtrabenden Ideale snobistischer, weltfremder Intellektueller. Letzendlich will der einzelne wissen, was er von einer bestimmten Entscheidung hat und das soll sich in konkreten Zahlen, in Euros in der Geldbörse ausdrücken. Russland seinerseits und sein sehr starker Präsident Putin (das amerikanische Magazin "Forbes" sieht ihn 2013 als den mächtigsten Mann der Welt), ist seinem Volk viel näher verbunden und befriedigt die nationalen Interesse und jene der Bürger seines Landes weitaus besser als dies in Europa durch dessen Politiker der Fall ist. So vermeinen viele Europäer, vor allem die Politiker, Ideologen und Journalisten, Russland solle vor allem an seiner  Demokratie und Rechtstaatlichkeit arbeiten ("Fortschritte machen"). Man sieht daran wie wenig diese Leute vom russischen Volk verstehen und wie sehr sie Russland nach ihrem eigenen geistigen Abbild gestalten wollen. Putin hat seit seinem ersten Amtsantritt im Jahr 2000 dem russischen Volk gegeben, was es mehrheitlich wollte: Stabilität, Wachstum, internationaler Respekt;  auf den Punkt gebracht ausgedrückt als "die Regierung liefert uns Gewehre, Butter und Selbstrespekt". Das waren und sind noch immer die wichtigsten Werte der russischen Bevölkerung.  Nur 14 Prozent der Russen würden nicht auf die Demokratie verzichten, wenn wichtigere Werte nicht erfüllt werden könnten.

Das erste was geschen muss ist die Faktenlage völlig nüchtern festzustellen, dann sind die eigenen Interessen zu definieren und in der Folge hat die Festlegung der Prioritäten innerhalb dieser Interessen zu erfolgen. Alles weitere ist dann ein Umsetzen diesen Prioritäten.  Die EU muss den langfristigen Plan aufgeben all jene Gebiete, die geographisch Europa bilden auch in die Union aufzunehmen. Dies wir in jedem Fall an Russland scheitern, aber auch die anderen noch "weißen Flecken" auf der EU-Landkarte (Schweiz, Norwegen, Serbien, Weißrussland etc.) werden aller Wahrscheinlichkeit nicht allesamt einmal zur EU gehören. Und eine ganz wichtige Sache darf keinesfalls vergessen werden: Die außenpolitischen Erfolge der Europäischen Union lagen bisher hauptsächlich dort, wo sie sich als Vermittlerin zwischen Konfliktparteien (vor allem außerhalb Europas) gezeigt hat. Bei der  Vertretung ihrer eigenen Interessen auf der globalen Bühne hingegen, sieht die Bilanz weitaus schlechter aus.
 
Gegenüber Russland muss eine Verhandlungsposition auf "Augenhöhe" eingenommen werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist dies meist nicht der Fall, denn gerade vom moralischen Standpunkt aus weist die EU immer wieder auf Demokratiedefizite und rechtstaatliche Mängel hin, die ihrer Meinung nach in Russland bestehen. Solches Verhalten wirkt arrogant und wird zudem nicht allzu ernst genommen. Moralische Appelle werden meist als Waffen im Kampf um Einfluss interpretiert und in aller Regel sind sie das auch. Europa muss sich dies eingestehen und den Gebrauch dieser Waffe einstellen, vor allem weil sie auf höchster politischer Ebene beinahe immer unwirksam ist und im Gegenzug einen Respekt kostet, anstatt dass er einem solchen einbringt.  Der Schaden, den die EU sich dadurch an ihren vitalen Interessen (vor allem wirtschaftlich und den politischen Einfluss auf die Welt betreffend) zufügt, darf nicht unterschätzt werden. Europa läuft ständig Gefahr sich und seiner Bevölkerung Schaden zuzufügen. Vollständig rationales Handeln beinhaltet immer, dass sowohl die Mittel, als auch der Zweck  rational sind, eine wertrationales Handlung (nach Max Weber) ist nicht im vollsten Sinne als rational zu bezeichnen. Deshalb: Die Propaganda gegen Russland sollte zumindest von offizieller Seite eingestellt werden. Auf der anderen Seite muss die EU beginnen berechtigte Kritik von Russland anzunehmen (siehe Anhang unten).
 
Die Welt wird heute im wesentlichen von vier großen Machtblöcken kontrolliert: USA, EU, Russland und China. Diese Tetrachie könnte durch weitere Blöcke ergänzt werden, sofern sich mehrere Staaten zu solchen zusammenschlössen. So wäre es denkbar, dass die arabischen Staaten zusammen einen (vor allem durch Erdöl geprägten) gemeinsamen Machtblock bilden könnten und dann mit den anderen vier Blöcken eine "Pentrachie" bildeten. Mitunter könnte man bereits jetzt die OPEC, das weltweite Ölkartell, als solchen Block bezeichnen.  Was immer Verschwörungstheoretiker meinen mögen, die Welt wird nicht von einer einheitlichen Macht regiert (geheime Weltregierung im Verborgenen), sondern von einer Handvoll gebündelter Machtinteressen bestimmt, die allerdings selbst in scharfer Konkurrenz zueinander stehen. In gewisser Weise erinnert diese Situation an das Europa nach den Napoleonischen Kriegen. Auch damals gab es nach dem Wiener Kongress (1814/15) eine "Pentarchie" zwischen den fünf Großmächten Großbritannien, Frankreich, Russland, Preußen und Österreich (z.B. auf den Kongress von Aachen 1818).
 
Europa muss seine globale Position in voller Klarheit ausrichten. Unter der Bedachtnahme, dass es zu den vier oder fünf großen Machtblöcken der Welt zählt, hat es seine Stellung und seine Interessen in Bezug auf alle anderen drei bzw. vier zu klären und mögliche Allianzen zu überdenken. Im besten Fall könnte Europa eine Stellung einnehmen, wie es Österreich und vor allem der damalige Kanzler Fürst Metternich als "Kutscher Europas" nach dem Wiener Kongress innehatte. Es wäre nicht unmöglich und wenn richtig gehandhabt auch nicht als "arrogant" zu verstehen, wenn Europa zum "Kutscher der Welt" werden würde. Seine Erfahrung, gerade auch aus der Kolonialzeit und den wechselseitigen Beziehungen der Fürstenhöfe und Regierungen über die Jahrhunderte hinweg, sein diplomatisches Geschick, könnten zum Wohle der Welt, zum Gleichgewicht der globalen Kräfte und zum Frieden Entscheidendes beitragen.


IV. BESONDERE ÜBERLEGUNGEN FÜR DEUTSCHLAND

Russland ist für Deutschland der drittwichtigste Außenhandelspartner nach der EU und den USA, wobei der Unterschied zwischen den USA (ca. 600 Mrd. Euro) und der Russischen Föderation (ca. 450 Mrd. Euro) nicht besonders groß ist. Deutschland ist nach beinahe allen Kriterien (nicht nur wirtschaftlich) die mächtigste Nation der EU (die derzeitige Kritik an Deutschlands Erfolg bestätigt nur seine Stärke). Das Land hat deshalb das Recht diese Macht auch für seine nationalen Interessen einzusetzen und eine Vorreiterrolle in Europa einzunehmen. Die Zeiten, als Deutschland seinen Nachbarn schaden wollte, sind lange vorbei und wer solches im 21. Jahrhundert immer noch glaubt, ist entweder nicht auf der Höhe der Zeit oder verfolgt niedere oder unredliche Motive damit.
 
Langfristig muss Deutschland sich um stärkere Verbindungen zu Staaten und Staatengruppen außerhalb der EU bemühen, insbesondere dann, wenn die EU einen "Renationalisierungsschub" erlebt, wie im Augenblick gerade. Das traditionelle Projekt Europa, so wie es seit seiner Gründung (1950er Jahre) bestanden hat, ist zu einem Ende gekommen; wir befinden uns in einer neuen Phase, deren Entwicklung noch größtenteils ungewiss ist. Es bestehen viele Entwicklungsmöglichkeiten, bis hin zur Option von Austritten oder Ausschlüssen von Staaten aus der EU. In solchen Zeiten müsste ein nationales "Notfallprogramm" so aussehen, dass Deutschland im schlimmsten Fall überlebensfähig wäre, wenn es sämtliche Kontakte zu allen anderen Staaten der EU abbrechen müsste. Das wäre freilich ein "Horrorszenario" aber auch ein solches muss als Ultima Ratio überdacht werden. In Anbetracht der enormen Schulden der meisten  europäischen Staaten (die nie zurückbezahlt werden werden!), einer alternden Bevölkerung, mit all den damit verbundenen Belastungen und der wirtschaftlichen Dauerschwäche einiger EU-Staaten, muss der deutsche Maximalbetrag, der für die Bundesrepublik zumutbar ist, festgelegt und strikt eingehalten werden. Zudem sollte die Bevölkerung bei Entscheidungen über finanzielle Unterstützungen anderer Staaten miteinbezogen werden (durch Abstimmungen).
 
Was das Verhältnis zu Russland betrifft, steht Deutschland in großer Abhängigkeit vom russischem Erdgas und Erdöl. Deutschland seinerseits liefert nach Russland vor allem technisches Gerät, allem voran Maschinen und Autos. Durch die Schaffung der Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland, hat Deutschland sich einen strategischen Vorteil verschafft. Die negative Seite dieser Maßnahme besteht etwa in einem getrübteren Verhältnis zu Polen, das aus historischen Gründen heraus immer sehr misstrauisch ist, wenn zwischen Deutschland und Russland zu große Einhelligkeit besteht. Außerdem muss Deutschland bedenken, was das Verhältnis zu Russland betrifft, die Interessen vor allem der west- und südeuropäischen Staaten nur wenig den deutschen entsprechen (schon alleine aufgrund der geographischen Entferung) und diese Staaten deshalb Deutschland kaum mit "voller Kraft" unterstützen werden.
 
In den deutschen Köpfen muss ein endgültiges Umdenken in Bezug auf den Osten geschehen, denn die simple Vorstellung "Westen=gut, Osten=schlecht" ist bei erstaunlich vielen noch vorhanden und geht auf die jahrzehntelange Zweiteilung der Welt, vor allem auch Deutschlands selbst, zurück. Damit geht keinesfalls eine Abkehr von den guten Beziehungen zu den USA einher, die USA sind und sollen auch in Zukunft ein guter und wichtiger Partner sein, mit dem man in freundschaftlicher Beziehung verbunden ist, doch Russland, das geographisch viel näher liegt, sollte ebenfalls deutlich  amikaler behandelt werden. In diesem Bereich gab es in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte und die beiden Staaten standen mehr als ein Jahrhundert lang nicht mehr so gut zueinander, doch eine weitere Verbesserung der Beziehungen ist auf jedenfall anzustreben. Auch wenn es in unserer Zeit überholt scheint, so zeigt doch der einfache Blick auf die  Landkarte, dass Deutschland in der Mitte des Kontinents liegt und dadurch im Osten und im Westen jeweils einige Staaten hat, die ebenfalls ihre Interessen zu verfolen und zu wahren haben. Der alte Nachteil dieser geographischen Zentralposition lag schon immer darin von zwei Seiten bedrängt werden zu können. Dies war der wesentliche Grund warum Kanzler Bismarck im 19. Jahrhundert mit dem Zarenreich einen "Rückversicherungsvertrag" geschlossen hatte (der von Kaiser Wilhelm II. leichtfertigerweise später aufgekündigt wurde), der ein "In-die-Zange-Nehmen" Deutschlands verhindern sollte. Eine solche Gefahr ist heute in weite Ferne gerückt und selbst misstrauische Militärs werden kaum Szenarien in diese Richtung zeichnen; doch wenn auch nicht militärisch, so können diese Überlegungen doch auch vom wirtschaftlichen Standpunkt her sehr nützlich sein.


V. LEKTIONEN


* Die Staatsräson und die harten Fakten entscheiden letztlich über das Schicksal von Staaten. Was auch immer man für Vorstellungen, Pläne und Wünsche haben mag, die Realität ist die letztgültige dominierende Kraft. Oder wie eine chinesisches Sprichwort sagt: "Vor der Notwendigkeit weicht jedes Recht". Nichts ist härter und bestimmender als die Realität. Und machen wir uns keine Illusionen, die Realität ist immer die sinnlich wahrnehmbare Welt, nicht die geistigen Vorstellungen, nicht die Gedanken des Menschen.
* Die vernünftigste Art, die beste Kunst der Staatsführung, besteht und bestand zu allen Zeiten in der Realpolitik. Schöne Vorstellungen mögen angenehm und verlockend erscheinen, doch können sie oft nicht durchgesetzt werden; und das ist auch gut so. Übrigens sind alle Menschen Idealisten. Die Frage ist nur welche Ideale man verfolgt. Auch sich an der reinen Realität zu orientieren ist ein Ideal!
* Um Macht zu erlangen, muss man die Mechanismen der Macht nicht nur gut studiert haben, sondern sie auch anzuwenden wissen. Niemand wird auf dem Parkett der Macht alleine deshalb erfolgreich, weil er Machiavelli, Balthasar Gracián, Sun Tzu, Schopenhauer oder Nietzsche studiert hat, sondern, nur, indem er die Fähigkeit erwirbt die Brücke zwischen den Plänen und der Realität zu schlagen. Diese Brücke heißt Strategie.
* Die Vorstellung, dass sich die Macht im Laufe der Geschichte gewandelt habe, ist falsch. Macht ist des Menschen Bedürfnis zu wachsen und sich zu entfalten. Dasselbe gilt auch für Staaten. Macht mag zwar ihr Gewand wechseln, doch ihr Kern bleibt immer derselbe.
* Das altrömische "Teile-und-herrsche" (divide et impera) existiert und funktioniert auch in unserer Zeit noch immer.


ANHANG:

Auszug aus der Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf dem Valdai-Forum, am 19. September 2013

"... eine weitere Herausforderung für die nationale russische Identität, hängt mit den Entwicklungen zusammen, die wir außerhalb  Russlands beobachten. Dazu zählen außenpolitische, moralische und andere Aspekte. Wir sehen, dass viele euro-atlantische Staaten einen Weg eingeschlagen haben, auf dem sie ihre eigenen Wurzeln verneinen, beziehungsweise ablehnen, einschließlich der christlichen Wurzeln, die die Grundlage der westlichen Zivilisation bilden. In diesen Staaten werden die moralischen Grundlagen und jede traditionelle Identität verneint; nationale, religiöse, kulturelle und sogar geschlechtliche Identitäten werden abgelehnt beziehungsweise relativiert. Dort wird eine Politik gemacht, die kinderreiche Familien mit homosexuellen Partnerschaften vor dem Gesetz gleichstellt;
Dort setzt man den Glauben an Gott mit dem Glauben an Satan gleich! Die Übertreibungen und Exzesse der politischen Korrektheit in diesen Ländern, führen dazu, dass sogar die Frage nach der Legitimierung von Parteien, die Propaganda für Pädophilie betreiben, ganz ernsthaft gestellt wird. Die Menschen in vielen europäischen Staaten schämen sich geradezu und haben regelrecht Angst offen über ihre Religionszugehörigkeit  zu sprechen. In Europa werden christliche Feiertage und Feste abgeschafft oder sie erhalten eine neutrale Umbenennung, so als würde man sich für die christlichen Feste schämen. Dadurch versteckt oder verheimlicht man den tieferen moralischen Wert dieser Feste. Und genau dieses Modell versuchen diese Staaten auf aggressive Weise den anderen Länder, und zwar weltweit, aufzuwingen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies der direkte Weg zur Herabwürdigung und zum Verfall der Kultur ist. Im Westen führt dies zu tiefen moralischen und demographischen Krisen. Was kann es denn für einen schlagenderen Beweis für die moralische Krise einer Gesellschaft geben, als die Einbüßung ihrer Reproduktionsfunktion?! Heute sind beinahe alle sogenannten "entwickelten" westlichen Staaten nicht mehr in der Lage sich reproduktiv zu erhalten. Und dies dazu noch trotz starker Zuwanderungsströme!
Ohne moralische Werte, die ihren Ursprung im Christentum und in anderen Weltreligionen haben, ohne die Normen und moralischen Werte, die  sich über Jahrtausende hin formiert und entwickelt haben, werden die Menschen unweigerlich ihre Menschenwürde einbüßen und damit zu Unmenschen werden (ihre Menschlichkeit verlieren). Deshalb halten wir es für natürlich und richtig die christlich-moralischen Werte zu wahren  und zu verteidigen. Das Selbstbestimmungsrecht von Minderheiten muss respektiert werden, doch das Recht der Mehrheit kann und darf nicht in Zweifel gezogen werden. Gleichzeitig zu diesen im Westen auf nationaler Ebene ablaufenden Entwicklungen, beobachten wir auf internationaler Ebene Versuche eine  unipolare, unifizierte Weltherrschaft zu errichten, durch welche internationales Recht und die Souveränität von Nationen relativiert oder gar
aufgehoben werden sollen. In einer solchen gleichgeschalteten Welt, gibt es keinen Platz mehr für souveräne Staaten. Alles was eine solche Welt noch braucht sind willfährige Vasallen! Aus historischer Sicht würde eine solche unipolare Welt die Aufgabe der eigenen Identität und der von Gott  geschaffenen Vielfalt bedeuten. Russland wird mit denen sein, die dafür eintreten, dass die wichtigen globalen Entscheidungen auf kollektiver Grundlage getroffen werden müssen und nicht im Interesse nur eines Staaten oder ein Gruppe von Staaten erfolgen. ..."

* Dieser Rede von Präsident Putin wurde in Europa nur wenig Beachtung geschenkt (durch die Mainstream-Medien überhaupt nicht), doch ist dies überaus bedauerlich, denn sosehr jeder Präsident die Interessen seines eigenen Landes vertritt und dies nicht unbedingt auch im Interesse anderer Staaten sein muss, so sehr müssen doch Augen und Ohren offen gehalten werden. So sollten solche kritische politische Äußerungen nicht durch Ignoranz oder Vorurteile abgetan werden, sondern einer eindringlichen Prüfung unterzogen werden. Wenn die Interessen Europas und Russlands auch kollidieren mögen, so sind die Worte des anderen nicht automatisch falsch oder von Propaganda geprägt. Auch hätte die europäische Bevölkerung ein Recht darauf zu erfahren, was andere, gerade auch nichteuropäische Politiker, von unserem Kontinent und unserem Gesellschafts- und Politikmodell halten. Denn nur dadurch entsteht ein lebhafter Diskurs, der im Geiste der Freiheit unsere Gesellschaft  stärker und unserer Demokratie noch prosperierender machen kann.  Es zeigt sich in dieser Rede deutlich die Gefahr einer vereinheitlichten Welt, die über kein Gegenmodell mehr verfügt und sich folglich nicht mehr weiterentwickeln kann und keinen Spiegel mehr hat, indem sie ihre eigenen  Fehler und Irrtümer aufgezeigt bekommt. Sosehr wir alle froh sind, dass der Kalte Krieg zuende ist, so hatte er doch den Vorteil, dass es zwei  dominierende Weltmodelle gab, die sich gegenseitig ihre Stärken und Schwächen vor Augen halten konnten. Sollte die Welt die Vielfalt verlieren und zu einem einheitlichen Gesellschafts- und Regierungssystem geführt werden, hätten wir keine Chance mehr unsere Gesellschaft, wie pluralistisch sie auch immer sein mag (auch Pluralismus ist ein einheitliches System), von außen zu betrachten und eine andere Perspektive einzunehmen. In einer einheitlichen Welt weiß niemand, ob wir auf dem Weg zum "Himmel" oder zur "Hölle" sind, da es keinen Maßstab mehr gibt, an dem man die Richtung erkennen könnte.

Der zweite Punkt in Putins Rede weist unmissverständlich auf die Gefahr des ethischen Relativismus' hin. Es ist zwar richtig, dass richtig und falsch in der Praxis oft sehr schwierigen Abwägungen unterworfen sind und nicht nach einem simplen einheitlichen Modell erfolgen kann, doch dürfen wir niemals vergessen, dass jeder "Relativismus" sich immer in einem absoluten Rahmen abspielt; ohne einen solchen schweben Normen im  Vakuum und niemand kann sich ernsthaft daran orientieren. Eine solche Ansicht führt unweigerlich zum Nihilismus. Wir dürfen moralische Dynamik und flexible Regeln nicht mit relativer Normativität verwechseln!  Zudem kann nicht einmal der ethisch abgestumpfteste Mensch, sofern er sich auch nur den geringsten Funken an Menschlichkeit bewahrt hat, die großen Verbrechen der Zeiten als nur relativ böse denken. Der radikale Relativist widerspricht sich selbst, denn er hat den Relativismus zum Absoluten erklärt - wie absurd so eine Ansicht ist, müsste jeden einsichtig sein. Relativismus ist ein Dogma, dessen Ursprung letztlich in der Metaphysik liegt (wie auch der Materialismus ein metaphysisches System darstellt).

Der dritte Punkt, der aus Putins Rede klar ersichtlich wird, ist der alte Rat, den man bereits in der Antike findet und von Machiavelli wieder aufgegriffen wurde, nämlich jener, dass ein Volk oder eine Gemeinschaft, um stark zu sein, immer wieder an ihren Ursprung zurückgeführt werden muss, mit ihren Wurzeln in Kontakt kommen muss. Stärke kommt für eine Gesellschaft immer aus der Tradition, aus der eigenen Geschichte heraus. Und wenn es etwas gibt, das Europa und den Westen eint, dann die gemeinsamen Wurzeln, die sich aus drei Quellen speisen: dem Monotheismus, der jüdisch-christlichen Tradition, dem philosophischen Geist der Griechen und aus der Staatskunst des Alten Rom. Sollten wir je vergessen wer wir sind, woher wir kommen und was vor unserer Geburt geschah, so sind wir dazu verdammt auf ewig naive Kinder zu bleiben.
 
 
 

Sonntag, 24. November 2013

Die Konferenz von Troppau

Am 15. Juli des Jahre 1820 wurde der erste Minister des österreichischen Kaisers, Clemens Fürst von Metternich, durch eine Depeche an das Sterbebett seiner geliebten Tochter Marie gerufen. Doch das war nicht die einzige Hiobsbotschaft des Tages. Eilig zurück ins Kanzerlamt beordert, erfuhr er von einem Militärputsch, der sich im Königreich Neapel ereignet hatte und dem greisen König Ferdinand IV. eine liberale Verfassung aufgezwungen hatte. Ähnliches war erst im Fühjahr in Spanien geschehen. Metternich war äußerst aufgebracht, denn der Fels in der Brandung, dem Mann, der wie kein anderer für Ordnung und das Monarchische Prinzip in Europa stand, verabscheute und fürchtete nichts so sehr wie die Revolution, von der er wusste, dass sie sich wie ein Lauffeuer über den ganzen Kontinent ausbreiten konnte. Zudem traf ihn die Nachricht aus Neapel völlig überraschend; im Mai noch hatten seine Informanten von der Halbinsel berichtet, alles sei ruhig und in bester Ordnung. Es galt die Heilige Allianz, den restaurativen Dreibund der monarchistisch-absolutistischen Staaten Österreich, Preußen und Russland, auf den Plan zu rufen.

Das erste Problem, das sich nun stellte, war, dass Preußen in Italien keine Interessen hatte und Russland verstimmt war, da beim Putsch in Spanien nicht interveniert worden war, wie Zar Alexander I. es gewünscht hatte. Nun waren vor allem Österreichs Interessen betroffen, Neapel konnte einen Flächenbrand in Italien auslösen und nationalistische Bestrebungen nach oben spülen - alles fatal für Österreich, das in Norditalien große Besitzungen (vor allem die Lombardei und Venezien) hatte, dessen Vielvölkerstaat notgedrungen  durch den Nationalismus zugrunde gegangen wäre. Nicht zu unterschätzen war zudem auch die Wirkung auf Deutschland, wo erst kurz zuvor die nationalen Bestrebungen vorerst erstickt worden waren (vor allem durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819). All dies in  Betracht ziehend entschied sich Metternich die Angst bei den Fürsten Europas zu schüren. Frankreich hatte ebenfalls an einem  Eingreifen in Neapel ein Interesse, da König Ferdinand aus der Dynastie der Bourbonen stammte; allerdings war Frankreich, ebenso wie England, als Vertreter liberaler Verfassungen nicht unbedingt daran interessiert, dass Neapel zum Prinzip der absoluten Monarchie zurückkehrte. Frankreich drängte nun darauf, dass Österreich seine Hegemonie über Italien nicht noch weiter ausbauen könne und deshalb nur mit einem "Europäischen Mandat", das heißt durch Beschluss der "Pentarchie" (England, Frankreich, Preußen, Russland, Österreich), wie sie auf dem Kongress von Aachen bereits bestanden hatte, für Ordnung sorgen dürfe.
 
Auf Drängen des Zaren kam es zu einem Kongress, der Ende Oktober 1820 beginnen sollte und in der österreichischen Stadt Troppau (Schlesien) abgehalten werden sollte. Als die Delegierten und Monarchen in Troppau eintrafen, stellte sich bald heraus, dass aus den fünf vom Aachner Kongress nun drei werden sollten (Österreich, Preußen, Russland). England und Frankreich schickten lediglich Beobachter, bei denen im Falle Frankreichs noch nicht einmal Einigkeit untereinander herrschte. Damit war klar, dass das Monarchische Prinzip den Kongress dominieren würden, nachdem die Liberalen geschwächt waren. Darüberhinaus verhielt sich Preußen passiv und nahm mehr eine Staffagenposition ein. So blieben als entscheidende Kräfte Österreich und Russland übrig, das heißt genauer: Metternich und Zar Alexander.
 
Metternich, ein Mann des großen Wortes und der Überredungskunst, zog sich nun oft und lange mit dem Zaren zu Vieraugengesprächen zurück, in denen es ihm gelang den Zaren allmählich davon zu überzeugen in Italien einzumarschieren. Alexander war einst ein Liberaler  gewesen, der den Ideen moderner Verfassungen zugetan war. Metternich erkannte bald, dass davon nicht mehr viel übrig geblieben war; die Erfahrungen, die der Zar in Polen gemacht hatte und die Entwicklung in Europa hatten ihn immer konservativer werden lassen. Metternich lobte den Zaren ob seiner Einsichten und brachte ihn allmählich dazu daran zu glauben, dass Geheimgesellschaften den Umsturz der alten Ordnung überall in Europa betrieben (in Russland gab es zudem gerade einen Aufstand in einem vom Zaren sehr geschätzten Regiment). Man kam soweit überein, dass Österreich in Neapel die alte Monarchie wieder errichten sollte und gleichzeitig sollte ein allgemeines Interventionsrecht gegen alle Regierungen proklamiert werden, die durch Revolutionen an die Macht gelangt waren.  Alexander wandelte sich immer mehr zum christlichen Propheten, der sich als Werkzeug der göttlichen Vorsehung sah, um die monarchistische Weltordnung aufrecht zu erhalten. Metternich hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Zar diese Richtung einschlug, zudem begann Alexander Metternich immer mehr zu bewundern.

So weit so gut. Doch es gab eine Schwierigkeit, die sich immer mehr heraustellte. Der einflussreichste Minister des Zaren war Herzog Capodistria, der griechische Wurzeln hatte und ein glühender Anhänger liberaler Ideen war und von einem Russland träumte, das bis zum Bosporus reichte, Griechenland den Osmanen entriss und es unter russisches Protektorat stellte. Metternich hingegen konnte weder mit liberalen Ideen etwas anfangen, noch konnte er im Interesse Österreichs Russlands Ausdehnung auf dem Balkan und darüber hinaus gestatten. Als zu dieser Zeit in Griechenland Aufstände gegen die türkische Besatzung ausbrachen, gelang es Metternich den Zaren davon zu überzeugen nicht zu intervenieren. Für Metternich endete die Zivilisation an den südöstlichen Grenzen Österreichs, der Balkan und Griechenland lagen jenseits der kultivierten Welt.  Der eigentliche Gegner Metternichs, Capodistria, war nun ausgemacht, den Zar, wenn er isoliert wäre, hatte Metternich in der Hand.

Der Kongress zog sich dahin und wurde zu Beginn des Jahres 1821 ins wärmere Laibach verlegt. Nun hatte Metternich die kluge Idee König Ferdinand selbst zum Kongress einzuladen. Wenn der König frei wäre, würde er zum Kongress kommen, wenn er von den Aufständischen an einer Ausreise aus Neapel gehindert worden wäre, hätte man es nicht mehr mit einer legitimen Regierung zu tun und Österreich hätte einen Grund mehr gehabt in Neapel einzumarschieren. Der König durfte reisen und damit wurde Capodistria, aber auch Frankreich, die Basis entzogen. Nachdem diese Gegner Metternichs unschädlich gemacht worden waren und König Ferdinand, ein schwacher, alter Herrscher war, der alles unterschrieb, was man ihm vorlegte, lief der Kongress, den Metternich propagandistisch in seiner Bedeutung noch aufbauschte, ganz nach Metternichs Vorstellung. Österreich marschierte ohne große Gegenwehr in Neapel ein (die Aufstände einiger Rebellen wurde sogleich niedergeschlagen). Die Monarchie alten Musters wurde wieder eingeführt, ergänzt um zwei Räte, die jedoch vom König frei bestimmt werden konnten.
 
Im Frühjahr 1821 brach die Revolution im Piemont aus, was jedoch von Metternich erwartet worden war - dieses Mal war er wachsamer gewesen. Am 8. April wurden die Aufstände bei Novara endgültig niedergeschlagen und Österreich marschierte in Genua, Turin und Alexandria ein. Damit war die Hegemonie Österreichs über Italien komplett, die Heilige Allianz, von Metternich auch die "Heilige Arche" genannt, glänzte. Metternich genoss nun beim Zaren noch mehr Respekt und es war nicht mehr schwer Alexander davon zu überzeugen, dass Frankreich mit seiner Armee, um in Spanien gegen die Revolution aktiv werden zu können, kein Mandat erhalten sollte, denn man könne
der französischen Armee nicht trauen, sie sei selbst von revolutionären Elementen durchsetzt. Österreich hatte seine Ziele durchgesetzt  und Metternich strahlte als "Kutscher Europas". Nach Beendigung des Kongressen wurde Metternich zum Staatskanzler ernannt, ein Amt, das seit dem großen Kaunitz (Kanzler Maria Theresias) vakant gewesen war.
 

LEKTIONEN

* Die besten Informationen sind jene, die man aus erster Hand gewinnt. Am allerbesten sind jene Informationen, die man durch persönlichen Augenschein gewinnt, am zweitbesten jene, die einem durch Vertrauensleute vor Ort auf direktem Weg mitgeteilt werden. Am  schlechtesten hingegen sind jene, die den "Instanzenzug" gehen, also die offiziellen Kanäle der Informationsbeschaffung.
 
* Hat man einen Feind ausfindig gemacht, muss man ihn vollständig unschädlich machen, es genügt nicht ihn nur zu schwächen.

* Man muss immer herausfinden welche Person die Machtdynamik kontrolliert. Diese muss man dann von der Basis abschneiden oder ihre Pläne auf andere Weise  unwirksam machen. Unterliege nicht der Illusion, dass diejenigen, die als die mächtigsten erscheinen es auch tatsächlich sein müssen.

* Sorge dafür, dass deine Kreuzzüge und Aktionen nach Möglichkeit den Anschein von Notwehr oder hoher Moral haben. Wenn du angreifst, stelle fest, dass du nicht als Aggressor dastehst.

* Uneinigkeit in den eigenen Reihen macht Erfolge am diplomatischen Parkett beinahe unmöglich.

* Durch geschicktes diplomatisches Vorgehen, durch ein redegewandtes, einnehmendes Wesen kann man so manchen Hardliner in einen Gemäßigten umwandeln oder auch umgekehrt. Wisse immer über den Charakter des anderen Bescheid und wie er zu  behandeln ist.


Samstag, 16. November 2013

Der Fall Joachim Murat

AUFSTIEG UND FALL
 
Im Herbst 1813 stand der große französische General, Marschall Joachim Murat (1767-1815), vor einem großen Problem. Erfolgreich auf dem Schlachtfeld und hoch dekoriert, hatte er Napoleons Aufstieg zur Macht mitgemacht und sich in Frankreich und Europa einen Namen gesichert. Er profitierte von den Eroberungen des französischen Kaisers, der ihn 1806 zum Großherzog der neu geschaffenen Herrschaft Berg in Westdeutschland gemacht hatte. Murat hatte die Schwester Napoleons, Caroline, geheiratet, wodurch die beiden Männer auch familiäre Bande miteinander teilten. Bald darauf war Murat bei der Verteilung Europas 1808 zum König von Neapel gemacht geworden, nachdem der  Bourbonenkönig Ferdinand IV. vom Thron gestürzt worden war. Murat hatte lange eine wichtige Regel der Macht befolgt, nämlich sich seinen Herrn nicht zum Gegner zu machen und diesem alle Ehre zu geben. Doch nachdem über eineinhalb Jahrzehnte lang Europa mit Krieg überzogen worden war, wurde immer mehr klar, dass Napoleons Kriegsführung nicht mehr so ausgezeichnet funktionierte wie noch einige Jahre zuvor. Glänzende Erfolge wie jene bei Ulm und Austerlitz (1805) und Jena/Auerstädt/Vierzehnheiligen (1806) wurden spärlicher und spätestens ab der sinnlosen und mit äußerster Gewalt geführten Expedition nach Spanien, war klar, dass Napoleons Herrschaft  sich ihrem Höhepunkt näherte oder diesen bereits überschritten hatte (Außenminister Talleyrand und Polizeiminister Fouché konspierierten 1808 gegen den Kaiser und erwägten sogar Murat zu seinem Nachfolger zu machen).
 
Nun aber hatte Napoleon das Fass zum Überlaufen gebracht. Nach seinem russischen Desaster im Jahre 1812, kam es im Oktober 1813 zur großen Völkerschlacht bei Leipzig, die überaus verlustreich war und die ganze Stadt Leipzig, mitsamt dem Umland mit (verwesenden) Leichen übersähte, so dass in der Stadt Seuchen ausbrachen.  Mit äußerster Kraftanstrengung war es den Alliierten, Preußen, Russen und Österreichern, gelungen Napoleon zu besiegen. Murat sah nun den Stern seines Meisters endgültig im Sinken und fürchtete um sein Königreich.  Deshalb entschloss er sich, sich von Napoleon zu trennen, was dann auch in Erfurt geschah. In Windeseile jagte er nach Süden und sann über seine Zukunft nach. Er sandte daraufhin eine Geheimboten nach Wien zum österreichischen  Staatskanzler Clemens Fürst Metternich. Murat bot nun den Alliierten seine Unterstützung im Kampf gegen Napoleon an, wenn ihm im Gegenzug sein Königreich Neapel belassen würde. Metternich, der zu diesem Zeitpunkt jede Hilfe gegen den  Usurpator Bonaparte gebrauchen konnte, unterzeichnete die entsprechende Vereinbarung. Damit hatte Murat Anfang 1814 endgültig Verrat am französischen Kaiser, seinem Herrn, begangen.
 
Noch im Jänner 1814 lässt Murat seine Maske fallen und marschiert in Rom und in der Toskana ein, kurz darauf überfällt er auch die Romagna. Auf dem Wiener Kongress (1814-1815) stellte der "Fall Murat" ein großes Problem dar, vor allem als es um die Neuaufteilung Italiens ging. Die alten Aristokraten, unter dem Geist der Restauration, der bereits am Kongress zu spüren war, waren sich einig den Emporkömmling vom neapolitanischen Thron zu stürzen und König Ferdinand seine Krone zurückzugeben. Doch welche Handhabe hatte man gegen Murat? Schließlich hatte man ein Jahr zuvor, im Eifer der Ereignisse und unter militärischen Gesichtspunkten, ihm sein Königreich garantiert. Da kam dem Kongress Murats hitziges Gemüt zuhilfe. Im Februar 1815 floh Napoleon von Elba und landete an der französischen Küste, von wo aus er über Grenoble ("route Napoleon")  nach Paris zu  marschieren im Begriff war. Murat entdeckte nun seine alte Zuneigung zu Napoleon wieder und schloss sich  diesem an. Im Juni 1815 wurde Napoleon endgültig im belgischen Waterloo geschlagen und unter englischer  Bewachung auf die verlassene Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er 1821 starb. Murat war nun in großer Not und floh, zuerst in die Provence, dann nach Korsika, bis er schließlich in Kalabrien strandete, wo  er aufgegriffen und standrechtlich erschossen wurde. In Neapel wurde der Bourbone Ferdinand als neuer alter König wieder eingesetzt.
 
 
INTERPRETATION

Murat war ein kluger Höfling, der es verstand seinen Meister nicht in den Schatten zu stellen. Lange Zeit war er ein Vertrauensmann Napoleons, der dessen Treue und militärische Verdienste überaus reich zu belohnen wusste. Doch es gab schon bald Anzeichen dafür, dass Murat weniger vertrauenswürdig war, als der Kaiser angenommen hatte, denn er beklagte sich ebenso wie Napoleons Bruder Joseph, der König von Spanien, über die mangelnde Eigenständigkeit seines Königreichs. Man sei nur ein Vasall Frankreichs und wolle mehr  Unabhängigkeit. Was das Großherzogtum Berg anbelangte, brachte Murat noch Verständnis auf,  schließlich befand sich Berg innerhalb des "Grand Empire". "Vergessen Sie nicht, dass ich Sie nur meinem System zuliebe zum König gemacht habe!" empfahl der Kaiser seinem Marschall. "Man ist nicht König, um zu gehorchen!" hatte Murat trotzig darauf geantwortet. Schon die Schenkung Neapels an Murat hatte einen Schönheitsfehler, denn Napoleon als Korse, der in starken Familienclankategorien dachte, hatte in erster Linie seine Schwester Caroline, Murats Frau, bedacht, wodurch Murat von Anfang an gekränkt war. Die Ehe mit Caroline war denn auch eine sehr schlechte. Weitere Eingriffe Napoleons in die Herrschaft des Königs von Neapel folgten: Er verbot Murat Botschafter zu ernennen und untersagte Franzosen einen Treueeid auf Murat abzulegen. Letztere Maßnahme  führte zu einer "Nationalisierung" des Adels, denn bis dahin hatte die Aristokratie sich als kosmopolitische Gesellschaft gesehen, die wie die "Hirten" über die "Herden" wachte, wobei die "Schafe" stets austauschbar waren und die "Nation" keine Rolle gespielt hatte, ja noch weitgehend unbekannt war. Murat seinerseits ergriff Zollmaßnahmen gegen Frankreich und umgab  sich mit "verdächtigen" Italienern, die antifranzösisch eingestellt waren und Murat mit der Idee eines vereinten Italien vertraut machten und in ihm entsprechende Wünsche geweckt hatten.  Murat durchbrach selbst mehrfach die Kontinentalsperre, die jeden Handel des Kontinents mit England untersagte.  Die von Napoleon geforderten Reformen (z.B. der "Code Civil") wurden von Murat nur halbherzig durchgeführt. Dieser Geist der Rebellion und das Sich-beliebt-machen-wollen bei der  eigenen, neapolitanischen, Bevölkerung führten letztlich zum Verrat. 
 
Als Napoleons Stern im Sinken begriffen war, trennte sich Murat brutal von ihm und half sogar mit ihn zu Fall zu bringen. Auch das ist ein Gesetz der Macht, das er eingehalten hatte. Im weiteren Verlauf machte Murat jedoch einige sehr  entscheidende Fehler. Er hatte zwar auch schon bisher militärische Fehler begangen, indem er sich beispielsweise gegen den Befehl Napoleons zu direkten Frontalangriffen hinreißen ließ, was zu großen Verlusten führte und  manchmal nur vom Kaiser selbst ausgebügelt werden konnte. Hätte Murat sich in Neapel still verhalten und sich mit seinem Königreich begnügt, wäre er möglicherweise, trotz der Abneigung der europäischen Mächte (vor allem Englands und Frankreichs) auf seinem Thron geblieben. Hätte er nicht versucht weitere italienische Gebiete für sich zu beanspruchen (wie etwa Teile des Kirchenstaates), hätte es möglicherweise sogar eine Einigung am Wiener Kongress gegeben (Metternich schützte Murat eine Zeitlang, was von den anderen Alliierten als Schwäche des Kanzlers ausgelegt wurde). Erst Murats Hitzköpfigkeit und seine falsche Einschätzung der Stärke Napoleons 1815, brachen ihm das Genick. Nun war es für seine Gegner ein Leichtes ihn vom Thron zu entfernen und ihn hinrichten zu lassen.


LEKTIONEN
* Die Beherrschung der Gefühle ist der Schlüssel zur Macht schlechthin. Das heißt vor allem auch sich nicht blenden zu lassen von einer charismatischen Persönlichkeit, die aufgrund einer Kombination von Glück und Fähigkeiten übermenschlich erscheint.
* Die Realität immer als das sehen, was sie wirklich ist.
* Die Dinge bis zum Ende durchdenken, einen möglichst weiten Blick in die Zukunft entwickeln.
* Wissen wann man seinem Meister folgen muss und wann nicht.
* Mann muss wissen, wann man dabei ist eine Sache zu übertreiben und muss sich selbst Einhalt gebieten.
* Erkennen was der Zeitgeist ist, besonders all jenes, was noch unter der Oberfläche liegt.


Donnerstag, 19. September 2013

Hartnäckige Mythen - Teil 3

21. WISSEN IST MACHT
Wissen an sich ist noch keine Macht, es ist jedoch eine Grundlage davon. Wer über keinerlei Wissen verfügt, kann auch keine Macht ausüben. Auf der anderen Seite bringt auch sehr viel Wissen noch keine Macht, wenn es nicht angewandt wird oder angewandt werden kann. Es braucht Charakter um Wissen anzuwendenn und dieser Charakter ist viel seltener anzutreffen, als das vorhandene Wissen. Experten aller Art sind leicht zu finden, sie sind im Übermaß vorhanden (Schulen und Universitäten sorgen für wahre Schwärme solcher Personen). Und doch sind die wenigsten dieser Experten mit Macht ausgestattet. Es sind jene, die das Wissen anwenden, die Entscheider, nicht die Berater und Wissenden, dieüber Macht verfügen.
 
22. MACHT HÄNGT VOM GELD AB
Geld hat keinen inneren Wert, es ist sogar die Sache mit dem geringsten intrinsischen Wert überhaupt. Geld ist an sich  buchstäblich nichts wert. Der Wert einer Banknote ergibt sich aus einer sozialen Konvention, durch das Vertrauen auf das Versprechen des "Gelddruckers", des Staates. Macht ist etwas Soziales und hängt von der Fähigkeit ab mit Menschen erfolgreich zu kommunizieren, andere zu unterstützen und Unterstützung zu erlangen. Geld ist ein  Symptom der Macht aber nicht deren Ursache. Es sind charakterliche Eigenschaften, gepaart mit Wissen um soziale Zusammenhänge und die Funktionsweise menschlicher Gemeinschaften im Allgemeinen, die die Grundlage der Macht bilden. Macht beruht darauf andere dazu zu bringen das zu tun, was man von ihnen möchte. Die Mittel dazu sind sozialer und psychologischer Natur.

23. DIE GEDANKEN SIND FREI
Die Gedanken des Menschen sind nur insofern frei, als sie durch das Bisherige geprägt sind. Es ist wie mit der ewigen Frage, ob das Leben Schicksal sei oder vom Menschen frei bestimmt werde. Beides ist richtig. Das Schicksal ist ein unausweichlicher Strom, in dem wir alle schwimmen, der allerdings eine gewisse Breite hat. Innerhalb dieser Breite ist der Mensch frei sein Leben zu bestimmen. Es gibt in den meisten Fällen mehrere Möglichkeiten, wie sich ein Leben weiter entwickeln kann, nur sehr selten verengt sich der Schicksalsfluss derart, dass nur eine einzige Möglichkeit  gegeben ist.
 
24. DES MENSCHEN WILLE IST SEIN HIMMELREICH
Das mag dem einzelnen teilweise so erscheinen, doch oft ist das was der Mensch will, nicht das was für ihn gut ist. So mancher musste schon erkennen, dass das Versagen des Willens sich im Ergebnis gar nicht als schlechte Sache herausgestellt hat. Lediglich im Augenblick ist das Nicht-Durchsetzen des eigenen Willens oft schmerzhaft, objektiv gesehen kann es sich sogar um einen Segen handeln.

25. DIE MEHRHEIT HAT RECHT
Das ist eine typischer demokratischer Irrtum, ein Ergebnis von jahrzehntelanger Gehirnwäsche, der die meisten Menschen unterzogen wurden. Ob eine Sache richtig oder falsch ist, bemisst sich nach ganz anderen, objektiven, Kriterien und hat nichts damit zu tun, ob eine Mehrheit vorhanden ist oder nicht. Deshalb sind die nicht mehrheitsfähigen Entscheidungen oft die richtigen.

26. DER KLÜGERE GIBT NACH
Eine völlig unsinnige Annahme. Der Klügere gibt oft so lange nach, bis er der Dümmere ist. Klug zu handeln heißt nur dann nachzugeben, wenn es nichts zu gewinnen gibt, wenn eine Diskussion irrelevant ist. Geht es jedoch um etwas von Wert, dann hat der Klügere nicht nachzugeben, sondern sich durchzusetzen.
 
27. WAS FRÜHER RICHTIG WAR IST HEUTE FALSCH
Dieser Irrtum besteht darin, dass man glaubt Wahrheit sei immer zeitabhängig. Es gab Zeiten, als man glaubte die Welt sei eine Scheibe, dann fand man heraus, dass sie Kugelgestalt hat. Nun gibt es Zeitgenossen, die vermeinen auch das würde sich einmal ändern und in Zukunft ginge man eben davon aus, dass die Erde ein Würfel, ein Oktaeder oder was auch immer sein werde. Man könne sich eben nie vollkommen auf etwas verlassen und die heutige Wissenschaft solle nicht so arrogant sein und für sich mehr Wahrheit in Anspruch nehmen, als sie der früheren zugesteht, deren Wissen wir nicht mehr teilten. Wahrheit hängt nicht von Ansichten ab, sie existiert objektiv, ansonsten ist sie keine Wahrheit. Etwas, das subjektiv ist, etwas das zeitabhängig ist, kann niemals Wahrheit genannt werden. Nun ist die Wissenschaft aber nicht wie die Philosophie eine Aneinanderreihung von Meinungen, sondern sucht eben die objektiv feststellbare Wahrheit. Dazu hat sie Methoden entwickelt, die dies gewährleisten sollen. Tatsächlich gibt es Wissen, das sich nie geändert hat und viele Bereiche werden zwar "verfeinert", durch genauere Erkenntnisse und vor allem durch Messergebnisse, bleiben aber in ihren Grundzügen bestehen. Wir nähern uns in vielen Bereichen durchaus der Wahrheit (auch wenn wir nicht so vermessen sein dürfen zu glauben mit wissenschaftlichen Methoden sie eines Tages zu "fassen"; das wäre Dogmatismus).
 
28. JEDER IST SICH SELBST DER NÄCHSTE
Ebenfalls eine falsche Annahme. Sie geht vom Egoismus des Menschen aus, dass der einzelne nämlich immer auf seinen Vorteil bedacht sei. In Wahrheit aber ist der Mensch ein unglaublich soziales Wesen, seinen eigenen Vorteil verfolgt so gut wie kein Mensch auf der Welt. Was den Menschen antreibt ist vor allem das Ansehen bei den anderen und das ist eine zutiefst soziale Bestrebung. Wer tatsächlich nur auf seinen Vorteil bedacht wäre, der würde stets rational handeln und sich nicht um die Meinung der anderen scheren. Tatsächlich aber kommen solche Menschen so gut wie gar nicht vor, die Meinung der anderen ist beinahe niemandem egal. Die sozialen Handlungen überwiegen die egoistischen beinahe
ausschließlich bei allen Menschen.
 
29. ES GIBT KEINE ZUFÄLLE
Mancher meint gar die Annahme es gäbe Zufälle wäre eine Art Gotteslästerung. Viele können sich nicht vorstellen, dass in einem Universum, das scheinbar von Naturgesetzen beherrscht wird (ohne Ausnahme) alles erkenn- und bestimmbar sein müsse. Kennt man alle Kräfte, die das Universum bestimmen und sind einem auch sämtliche Wechselwirkungen dieser Kräfte bekannt, so müsste alles bis ins letzte Detail und zu jedem beliebigen Zeitpunkt bestimmbar sein. Kennt man also sozusagen die "Weltformel" dann hätte man das Wissen, das man Gott zuschreibt und es wäre einem nichts mehr  unbekannt. Es steckt eine große Portion Größenwahn darin solches auch nur zu denken. Tatsächlich ist es Angst vor dem Unbekannten, das Menschen dazu bringt den Zufall zu fürchten. Gerade deshalb betreiben einige Wissenschaft, um ihre eigene Angst zu bekämpfen und größere Gewissheit über die Umstände zu erlangen.
 
30. DIE DINGE SIND ANDERS ALS SIE ERSCHEINEN
Das ist eine zynische Aussage. Es mag zwar vorkommen, dass die Dinge in ihrem Kern anders sind, als sie nach außen hin erscheinen, doch das Gegenteil ist ebenso wahr. Oft ist das was man sieht, genau das was eine Sache auch tatsächlich ist. Wieder ist es die Angst, die hinter jedem Zynismus steckt, die der Quell dieser Ansicht darstellt.
 

 

Donnerstag, 29. August 2013

Harnäckige Mythen - Teil 2

Dieser Text schließt nahtlos an den zuletzt veröffentlichten an, weshalb hier auch keine Einleitung erfolgt.

11. UNRECHT GUT GEDEIHT NICHT
Dies ist wieder eine grundsätzlich unsinnige Aussage. Es gibt in unserer Welt keine an sich existierende Gerechtigkeit, kein Gesetz der Vergeltung aber auch keines der Belohnung. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist eine soziale, menschliche, keine, die in der Natur existiert (die Natur kennt Gut und Böse nicht). Aus dem Umstand, dass Unrecht menschlich ist folgt, dass auch nur durch Menschen Unrecht "gesühnt" und "vergolten" werden kann. Wer also dem menschlichen  Zugriff entkommt, dessen "Unrecht" kann sehr wohl gedeihen. Was bleibt ist dann nur noch die internalisierte Norm, sprich das, was man Gewissen nennt. Dieses kann noch dafür sorgen, dass einer mit seinem Unrecht nicht glücklich wird. Ist das Gewissen jedoch nicht entsprechend geschult, so ergeben sich auch keine Schuldgefühle und in der Folge auch keinerlei negative Auswirkungen des Unrechts. So unangenhm es auch sein mag, der Gerecht kann durchaus der Dumme und  der Ungerechte der Kluge sein. Die Beurteilung durch eine göttliche Vergeltung bleibt hier jedoch völlig unangetastet.
 
12. HOMO-OECONOMICUS- IRRTUM
Der Mensch sei ein rationales Wesen und deshalb seinen seine wirtschaftlichen Entscheidungen ebenfalls rational. Nun, darüber ist schon viel geschrieben wurden und kaum einer glaubt heute noch daran, dass der Menschen an sich vernünftig handelt. Es ist schon richtig, dass der Mensch über Vernunft verfügt, doch ihr Gebrauch ist anstrengend und nur zu leicht kann sie verführt und ausgeschaltet werden. Einen kühlen Kopf zu behalten ist schwer, zudem wäre es eine geistige Überforderung stets rational handeln zu wollen - ein menschliches Gehirn ist dazu nicht in der Lage und es wäre auch gar nicht klug solches  zu tun. Auf "Autopilot" geschaltet zu haben ist tatsächlich in vielen Fällen des Lebens "vernünftig" und richtig, gerade bei der Alltagsroutine, die ansonsten zu viel geistige Energie erfordern würde. Ähnlich es es auch ein Unsinn sein Leben ständig zu reflektieren. Wer solches tut, verpasst das Leben selbst. Reflexion ist gut - hin und wieder in größeren Abständen, aber nicht als Dauerzustand - ein solches Mensch wäre zutiefst neurotisch.
 
13. DER SPATZ IN DER HAND IST BESSER ALS 10 TAUBEN AUF DEM DACH
Diese Ansicht ist nur bedingt wahr. Sie wird vor allem von ängstlichen Menschen geäußert, die eher daran glauben, dass die Dinge  schlecht ausgehen und man sich deshalb greifen muss, was man kriegen kann. Gute Gelegenheiten, die Geduld erfordern entgehen so diesen Menschen - dh. die besten Dinge im Leben entgehen ihnen. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um materielle Dinge oder andere handelt. Große Erfolge im Leben kommen dadurch, dass man ein Risiko eingeht (freilich keines, das man sich nicht leisten kann). Wer immer den Spatz wählt, der landet im Sumpf der Mittelmäßigkeit, nicht beim Erfolg.

14. VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN BREI
Stimmt nur, wenn alle Köche am selben Gericht kochen. Ist jedoch optimale Arbeitsteilung vorhanden, dann ist die Zusammenarbeit von Spezialisten sehr vorteilhaft. Entscheidend ist hier die Führung und Organisation des Teams.

15. DEN CHARAKTER KANN MAN NICHT ÄNDERN
Menschen sind in jedem Alter fähig ihr Wesen zu ändern. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Menschen sich ändern können, selbst wenn sie schon in fortgeschrittenen Alter sind. Freilich ist das nicht der Regelfall und es stimmt auch, dass eine Lebensänderung mit zunehmendem Alter schwieriger wird - man trägt zu viele geistige Prägungen mit sich herum, die man aufgeben müsste. Junge Leute haben insofern einen Vorteil, als sie wenig aufgeben müssen, um jemand anderer zu sein. Die Aussagen "bleib wie du bist" oder "sei einfach du selbst" können die schlimmsten Beleidigungen sein, die man einem antun kann. Was wenn einer ein Schuft, ein Versagen ist, soll er dann ein  solcher weiterhin sein? Und was wenn einer sich ändern möchte, ihm sein Umfeld aber sagt, er soll so bleiben, wie er ist? Dann tut Änderung not und man sollte sie unterstützen und nicht Hindernisse in den Weg stellen.

16. SKEPTIKER SIND NEGATIVE MENSCHEN
Die wissenschaftliche Methode ist eine skeptische Methode. Sie hat sich bewährt im Umgang mit der natürlichen Welt. Problematisch wird es allerdings, wenn der Skeptizismus von einer bestimmten Untersuchungsmethode in Bezug auf bestimmte Herausforderungen zum Lifestyle wird. Dann ist der Mensch meist ein Pessimist. Im Kern bedeutet Skeptizismus sehr wohl Dinge zu glauben, denn ohne an  Dinge zu glauben, kann der Mensch nicht leben, sondern der Skeptiker will sich nicht vormachen lassen. Es ist ja gerade die Liebe zur
Wahrheit, die einen nicht alles glauben und kritisch hinterfragen lässt. Wenn der Skeptiker jedoch von vorne herein davon ausgeht, dass er angeschwindelt wird, dann ist er kein Skeptiker mehr, denn die Annahme des Negativen ist genauso ein Vorurteil wie die automatische
Annahme des Positiven. Der Skeptiker möchte die objektive Wahrheit erkennen, sofern sie dem Menschen zugänglich ist - nichts weiter.
 
17. STILLE WASSER SIND TIEF
"Wärst du ein Philosoph geblieben ..." Tatsächlich kann ein schweigender Mensch klug erscheinen und er kann es auch tatsächlich sein.  Vielleicht redet einer aber auch nur Unsinn und einer ist höflich genug nichts zu sagen. Mitunter steckt aber hinter Schweigen auch einfach nur Dummheit oder Ignoranz. Möglicherweise hat einer keine Meinung, kein Profil und hat deshalb auch nichts zu sagen.
 
18. ALLES IST RELATIV
Eine populäre postmoderne Ansicht, aber in Wahrheit völliger Unsinn. Alles soll relativ sein? Dann ist die Aussage, dass alles relativ ist auch relativ; somit wäre die Türe zum Absoluten doch wieder offen?! Ein Mensch, der konsequent alles relativ sehen will ist ein Fundamentalist, ein Absolutist. Sein Absolutismus heißt Relativismus! Welch lächerlicher Widerspruch darin steckt, begreift bald der Einfältigste. Nicht aber der relativistische Ideologe, denn Ideologen können nicht denken, da sie im Gefängnis ihrer Gedanken gefangen sind.  Das ist so, wie wenn einer für alles offen ist. Wer für alles offen ist, der kann nicht dicht sein. Ein Mensch, der keine Grenzen hat, hat  kein Profil und wer kein Profil hat, hat keine Persönlichkeit. Der Charakter eines Menschen besteht wesentlich in seinen Grenzen, in seinem  Nein-Sagen zu Dingen aber mitunter auch zu Menschen. Gerade darin liegt das Menschsein, dass man bestimmte Dinge nicht gutheißt, sie nicht zulässt und zuweilen auch streng verurteilt.
 
19. MAN KANN NICHT ALLES HABEN
Wieder eine Einstellung, die Mangeldenken zum Vorschein kommen lässt. Es sind ängstliche Menschen, die solches sagen, nur scheinbar sind sie Realisten. Es sind die gleichen Leute, die den Spatz in der Hand den Tauben auf dem Dach den Vorzug geben - und zwar aus Prinzip, nicht aus kühler Überlegung und Berechnung. Oft stecken falsche Bescheidenheit, Feigheit und Denkfaulheit hinter dieser Aussage.

20. JEDER KRIEGT, WAS ER VERDIENT
Diese Aussage hängt eng mit Nummer 11 zusammen. Es handelt sich um einen esoterischen Irrtum, zuweilen auch eine Illusion. In  östlichen Gegenden kann man darunter auch "Karma" verstehen, welcher ein kultureller Irrtum ist, dem Millionen von Menschen zum Opfer gefallen sind und der wie ein Virus die Geister und Seelen infiziert hat - zum Nachteil der Menschheit.

 

Samstag, 20. Juli 2013

Hartnäckige Mythen - Teil 1


Es ist immer wieder erstaunlich wie wenig im täglichen Leben nachgedacht wird, wie wenig Gebrauch die meisten Menschen von ihrem rationalen Denken machen. Ja, es ist ja auch nicht leicht, denn Denken kostet Energie und solange man keinen Vorteil darin sieht, der die Motivation aktiv zu werden bildet, so lange überlässt man seinen Geist sich selbst und funktioniert mehr auf Basis von automatischen, lang eingeübten Prozessen, als selbst das Ruder des Gedankenflusses in die Hand  zu nehmen. Dummheit entsteht durch die vielen kleinen unvernünftigen Vernachlässigungen im Leben, dadurch dass man in den kleinen Dingen schlampig oder denkfaul ist. Es sieht so aus, als ob kleine Irrationalitäten verzeihlich wären, doch zusammengenommen ergeben sie auch einen großen Haufen "Mist". Die ganze Sache wird umso  schlimmer je mehr eine irrational denkende und handelnde Person Einfluss auf das Geschick anderer Menschen nimmt.
 
Die Grundannahme hinter rationalen Denken ist natürlich, dass dadurch die Lebensergebnisse und damit die Lebensqualität verbessert wird. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Glaubensüberzeugung, sondern um gesichertes Wissen. Die Überprüfung dieser These kann jederzeit von jedem vorgenommen werden. Ob rationales Handeln zu höherer Lebensqualität führt, als irrationales ist im Grunde der Test des Lebens schlechthin.

In diesem ersten Teil stelle ich 10 Mythen vor, die sich hartnäckig in den Köpfen vieler halten. Sie können vor einer rationalen Prüfen nicht bestehen. Dies soll  anhand von einigen Argumenten aufgezeigt werden.

1. DIE GESCHICHTE WIEDERHOLT SICH
Die Ansicht, dass sich die Geschichte wiederhole ist sehr weitverbreitet und gibt vielen das Gefühl Bescheid zu wissen.  Wenn man sich dann die Welt ansieht meint man leicht "alles schon gesehen, alles schon bekannt". Meist wird einfach die Entwicklung in der jüngsten Vergangenhiet in die  Zukunft projiziert, nichts weiter. Es ist für den Menschen offenbar leicht anzunehmen, dass was gerade passiert ist, würde auch weiterhin sich so verhalten. Wir scheinen viel mehr auf das Statische zu bauen, als auf die Möglichkeit der Veränderung. All dies beruht auf einem grundlegenden Nichtverstehen dessen, was die Dinge, die wir wahrnehmen tatsächlich bewirkt. Zudem hat das menschliche Gehirn die Tendenz Muster zu erkennen und sich daran zu orientieren. An sich nichts Schlechtes, doch gefährlich wird diese Fähigkeit, wenn dort wo es objektiv kein Muster gibt - im Chaos - solche künstlich erschaffen werden. Die Muster, die wir erkennen existieren nicht in der Welt, sondern in unserem Geist, die von diesem erschaffen werden. "Mustererkennung" ist oft Erschaffung von Mustern, nicht deren Feststellung. So fallen Millionen Mensch auf die "Chartillusion" herein, wenn es um Geldanlagen geht. Darunter versteht man die falschen Vorstellunge, die durch grafische Darstellungen von Preisentwicklungen entstehen. Hat sich in der Vergangenheit ein Wert gut entwickelt, so ist es umso leichter frisches Kapital zu gewinnen (die Manipulation, die mit der entsprechenden Einstellung der Sklaven verbunden ist, sei hier einmal vorweggelassen).  Fakt ist, dass die Vorstellung, dass sich die Vergangenheit wiederhole niemals bewiesen wurde.  Diese Annahe deutet auf ein falsches Verständnig der wahren Faktoren, der Wirkungskräfte, hin, die tatsächlich für die Erscheinungen verwantwortlich sind. Welche fatale Auswirkungen dieses Denken haben kann erkennt man etwa am Beispiel von Investitionsentscheidungen. Die Zukunft ist ungewiss, daran lässt sich nichts ändern.  Die Annahme die Geschichte wiederhole bewirkt die Illusion der Konstrolle und blendet den Zufall aus, der ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist (Zufall ist eine  abstrakte statistische Größe, die das Nicht-Vorhandensein von Kräften beschreibt, nicht eine aktive Kraft, die auf das Geschehen einwirkt!). Zudem bewirkt der Glaube an Geschichtszyklen, dass dem Gehirn die aktive Denkarbeit abgenommen wird.  Der Mensch unterschätzt stets wie sehr sein Leben dem Zufall und der Verändung unterliegt - die Vorstellung von Gleichförmigkeit entspricht nicht der Lebensbeobachtung, sondern mehr der selektiven Wahrnehmung und dem Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Vorhersehbarkeit. Ein Beispiel sei etwa die Annahme ein Mensch änder sich nicht mehr (zumindest ab einem bestimmten Alter). Auch diese Annahme ist hinlänglich widerlegt. Der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Lebensänderung (auch zur Totalreform) in jedem Lebensalter. Wir wissen heute, dass die Gehirnzellen in jedem Alter neu gebildet werden und stets neu "verbunden" werden können. Eng mit der Annahe die  Geschichte wiederhole sich ist auch die Vorstellung der Mensch bliebe immer derselbe. Untersuchung zeigen deutlich, dass das Bewusstsein der Menschen vor 100, 500 oder 1000 Jahren ein völlig anders war, als wir es heute vorfinden. Der Mensch mag zwar genetisch seit vielen Jahrtausenden kaum eine Änderung erfahren habe, doch entscheidend ist nicht die das Vorhandensein des entsprechenden Genmaterials, sondern wie sich dieses manifestieren kann und hier besteht ein enormer Unterschied zwischen früher und heute.  Man kann aus der Geschichte lernen, wenn man die entsprechenden Zusammenhänge versteht, aber nicht, wenn man Vergangnes stur in die Zukunft projiziert bzw. prolongiert. Das Entscheidende ist das Ursache-Wirkungs-Prinzip, nicht das Erscheinungsmuster!
 
2. DENKE POSITIV
Diese Aufforderung geht von der irrationalen Vorstellung aus, dass unsere Welt (objektiv) durch unsere Gedanken beeinflusst würde. Solches kann wohl nur als magisches oder als Wunschdenken bezeichnet werden. Alle Untersuchungen zeigen, dass die Gesetze durch die das Universum gesteuert wird, völlig unabhängig von der Meinung oder den Gedanken, die wir über sie hegen, bestimmt wird. Die Vorstellung dass der Mensch die Welt erschaffe entbehrt jeder Grundlage! Tatsächlich ist die Aufforderung positiv zu denken ein der schändlichsten Dinge, die man tun kann. Denn ein solches Denken schneidet einem immer von einem Großteil der Realität ab, es verlang die Konzentration auf jene Dinge, die wir als angenehm empfinden und trennt uns von jener Wirklichkeit, die dem widerspricht. Es zwingt uns zu einer selektiven Wahrnehmung, die nur das zulässt, was unserem Willen entspricht. Im Grunde liegt dieser Ansicht die kindliche Vorstellung zugrunde "Wenn ich es will, dann ist es auch so!". Gerade Menschen, die Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung haben verfallen leicht in einen  kindlichen Regress und fallen auf allerhand Scharlatane herein, die sich diese Schwäche zunutze machen, um ihre eigenen schändlichen Ziele zu verfolgen (in der Regel Geld und Macht - narzisstische Bestrebungen). "Denke positiv!" ist oft die Hoffnung von Leuten, die sich nicht imstande sehen ihren Verstand zu gebrauchen (oder diesem misstrauen) und aktiv auf das Leben einzuwirken, denn nur durch Handeln, nicht durch bloßes Denken alleine, verändert sich etwas. Denken geht dem Handeln voraus, aber es alleine bewirkt noch gar nichts. Solches zu glauben ist eine Illusion. Auch Faulheit kann dahinter  stecken eine solche Geisteshaltung zu entwickeln, wie schon die angesprochene Hoffnungslosigkeit.  Wenn positive Denken alleine genügte, um für Lebensqualität und Erfolg zu sogen, dann wären die Proponenten dieser Philosophie die glücklichsten und erfolgreichsten Menschen, die es gibt. Sie müssten dann alle Millionäre, glücklich verheiratet, völlig gesund etc. sein. Nun, der Blick und die Untersuchungen der entsprechenden Gestalten zeigt oft gerade das Gegenteil. Es sind die armen, erfolglosen, frustrieten, die zu solchen Mitteln greifen, weil sie darin die letzte und einzige Hoffnung für ihr Leben sehen. Vielleicht gehen manche überhaupt erst durch solche Vorstellungen am Selbstmord vorbei. Psychologen und Psychiater sind heutzutage nicht selten mit den Enttäuschten des positiv Denkens konfrontiert und helfen diesen dabei den Weg in die Realität wiederzufinden.  Heißt das nun, das ich das negative Denken befürworte? Ganz und gar nicht. Negatives Denken hat einige Vorteile und kann uns vor großen Gefahren schützen, darin liegt ein wesentlicher  Wert, doch deshalb gleich zum Pessimisten zu werden, halte ich für abwegig. Die einzig wirklich erfolgreiche Position im Leben besteht darin, indem Pessimismus und Optimismus je nach Situation angewandt werden aber keiner charakterlichen Disposition entsprechen. Beide Seiten haben Vor- und Nachteile und das Leben ist viel zu komplex um sich ganz auf eine Seite zu schlagen.  Positives Denken muss immer in der Realität verankert sein. So ist es gerechtfertigt auf einen positiven Ausgang zu hoffen, wenn man von rationalen Standpunkt aus alles getan hat, was menschenmöglich war. Eine Garantie gibt es freilich auch dann nicht (wie bei allem im Leben), dass die Sache gut ausgehen wird. Zu glauben positives Denken mache das Leben gut, konnte niemals bewiesen werden. Und wir dürfen nicht vergessen: Ein Haufen von Anekdoten macht noch keine Daten!

3. JEDER IST SEINES SCHICKSALS EIGENER SCHMIED
Dies ist eine zynische Äußerung von meist selbstgerechten Menschen, denen es gut geht und die auf andere, denen es schlechter geht, herabschauen. Im Grunde ist diese Aussage nichts anders als die Beruhigung des eigenen Gewissens. Wer sie ernst nimmt, der unterschätzt völlig die Macht, die der Mensch über sein Leben hat. Es ist eine. Ausgeburt der Kontrolle. Oft steckt hier dahinter die Weigerung Grenzen zu akzeptieren, insbesondere die Grenzen, die dem Menschen aufgrund seiner Natur gesetzt sind. Ebenso unterschützt wird wie häufig das Scheitern im Leben des Menschen ist. Dies ergibt sich wohl daraus, dass der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit in der Regel auf die Erfolge und nicht auf die Misserfolge gerichtet ist. Wahr ist, dass der Mensch sein Schicksal beeinflusst, was jedoch falsch ist, ist dass er dieses sich selbst macht. Es gibt im Leben keine Garantier auf Erfolg, selbst wenn man alles richtig gemacht hat.
 
4. VOR TAGESANBRUCH IST DIE NACHT IMMER AM DUNKELSTEN
Das ist eine überhebliche Aussage, die jemand äußerst, der für sich in Anspruch nimmt, der glaubt über etwas Bescheid zu wissen, über das man nicht Bescheid wissen kann - nämlich die Zukunft. Wer solches behauptet meint den gegenwärtigen Augenblick zu verstehen, dabei ist völlig klar, dass das Leben vorwärts gelebt wird und nur rückwärts verstanden werden kann (Kierkegaard). Wann der dunkelste Zeitpunkt in einer Entwicklung gekommen ist, weiß man erst im Nachhinein, in der Retrospektive, aber nicht in dem Moment, in dem sich eine Sache ereignet. Niemand weiß, dass  jetzt gerade der Tiefpunkt eines Prozesses erreicht ist. Zudem gibt es überhaupt keine Garantie, dass der "Tagesanbruch" überhaupt erlebt wird. Die "Rückfälle" oder "Rückschläge" vor dem "Tagesanbruch"  bleiben zudem unberücksichtigt.  Dieser Aussage sollt zwar Trost spenden, doch verfehlt sie diesen Zweck völlig, sofern jemand auch nur halbwegs seines Verstandes mächtig ist. Sie sie wandelt sich unter genauer Berücksichtigung sogar in das genaue Gegenteil - die Verhöhnung.

5. DAS LEBEN IST EIN SPIEGEL
Dies ist wieder eine nie bewiesene, recht naive, Aussage. Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass zwischen innerer Einstellung und insbesondere Denken und den äußeren Erscheinung eine Korrelation besteht.Vielmehr deutet die Beobachtung des Lebens auf Gegenteiliges hin. Die Natur verhält sich uns gegenüber neutral, was auch immer wir über sie denken, beeinflusst keines ihrer Gesetze. Zudem ist das "Leben" keine Person, hat also keine Gedanken, Gefühle oder Einstellungen gegenüber uns selbst. Was immer der Mensch auch tut, er kann sich der übergeordneten Wirkungskräfte nicht entziehen. Es ist die von Freud genannte kindliche Illusion allmächtig zu sein, die hier unverhohlen zum Ausdruck kommt. Ein gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung und Selbstgerechtigkeit spielen ebenfalls mit.  Allenthalten kann uns das Leben zeigen, wie wir die Wirkungskräfte verstehen und wie wir sie handhaben, um entsprechende Ergebnisse zu erzielen. Der Charakter hat Einfluss auf das Schicksal, das ist richtig, doch es gibt im Universum kein Prinzip der "Gerechtigkeit", so dass Taten oder Gedanken auf einen selbst zurückfielen. Es gibt kein Prinzip der austeilenden oder ausgleichenden Gerechtigkeit in der Natur. Gerechtigkeit ist ein menschliches Konzept, keines das in der Natur vorgefunden werden kann. Darunter fällt gerade all der Unsinn, der heutzutage als "Karma" auch in vermeintlich entwickelten Gesellschaften verbreitet wird. Wir sollten reif  genug sein, um zu erkennen, dass es sich dabei um Scharlatanerie, um bloße Lüge handelt. Es ist für einen erwachsenen Menschen nicht hinnehmbar, dass das Leben ein Spiegel sei - so etwas gehört in den Kindergarten und sollte auch als solches benannt werden!

6. WER DEN CENT NICHT EHRT IST DEN EURO NICHT WERT
Dies ist eine kleinliche, krämerische Haltung, die man am ehesten mit dem Begriff "Hühnchenklein" kennzeichnen kann. Einerseits wird hier die Sparillusion angesprochen, andererseits beruhigen sich ängstliche Menschen (und nicht selten die Geizigen) gerechtfertigt, wenn sie an allem festhalten, was sie haben. Wer jedoch zu sehr auf das Kleine achtet, übersieht das Große und wird dieses niemals erlangen. Die Haltung den Pfennig zu verehren führt am ehesten dazu, dass man ein Leben lang nur von Pfennigen umgeben sein wird und das große Geld niemals sieht. Solche Menschen setzten all ihre Energie ein um ein paar Cents zu sparen, verpassen jedoch die Chance auf den Reichtum. Die Prioritäten sind einfach falsch gesetzt. Schließlich kann man von Cents nicht leben. Es sind Menschen, die sich im Detail verlieren und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können. Wer geizig ist hat ein grundlegendes psychisches Problem, das weit über den materiellen Bereich hinaus geht. Ihm mangelt es am Genuss des Lebens an grundlegender Freigiebigkeit. Das allem zugrunde liegende Gefühl ist die Angst, die Angst zu wenig zu haben, die Güter der Welt seien zu begrenzt, dass der einzelne alles zusammenhalten müssen, um zu überleben. Das ist ein Modus der im 21. Jahrhundert völlig an der Realität  vorbeiläuft. Es sind die Kleinkrämer, die gerade durch ihre Vorliebe für den Pfennig die "Mark" nicht wert sind.  Die positive Seite dieser Ansicht liegt jedoch darin, dass der Verschwendung Einhalt geboten wird - das ist aber auch das einzige, das hier zugute gehalten werden kann.

7. GELD MACHT NICHT GLÜCKLICH
Niemand wird ernsthaft behaupten Geld alleine mache glücklich. Dennoch ist Geld ein Glücksfaktor und dass es dem Glück schade ist ein Ammenmärchen. Tatsächlich kommt diese Aussage wieder aus einer Rationalisierung, nämlich sich selbst als moralisch überlegen zu fühlen, wenn man kein Geld hat. Es ist der verzweifelte Versuch des Armen auch gut dazustehen. Es ist wie die Aussagen "Geld ist nicht wichtig". Wer solches sagt, der hat kein Geld und versucht dennoch gut dazustehen. Es ist wie mit den Trauben, die der Fuchs für sauer erklärt, weil er sie nicht erlangen kann. Ein primitiver Trick, der allerdings nur allzu leicht durchschaut wird. Frustration und Neid sind wieder die Quellen  der Ansicht Geld mache nicht glücklich. Wer solches meint übersieht  die Vorteile, die Geld mit sich bringt. Geld macht frei, erweitert die Möglichkeiten im Leben und sorgt für eine gewisse Sicherheit. Alles Dinge, die der Arme nicht genießen kann. Es ist zwar richtig dass der bloße Besitz von Geld noch nicht glücklich macht, doch das Gegenteil zu behaupten ist völlig unsinnig. Es liegt keine Ehre, kein Vorteil in der Armut. Es ist die kaum verhüllte Abneigung gegen Menschen,  denen es gut geht. Dieses Gutgehen kann vom Armen nicht akzeptiert werden, denn dann müsste er sich seiner Lebensrealität stellen und seiner Angst und Frustration ins Auge blicken. Das ist verständlicherweise viel zu schmerzhaft.

8. DIE REICHEN WERDEN IMMER REICHER, DIE ARMEN IMMER ÄRMER
Wenn das wahr wäre, denn wären die Armen längst zu den Verhungernden geworden und ausgestorben. Die Welt hätte nur noch wenige Menschen, die im Besitz von allem wären, alle anderen Menschen hätten längst das Zeitliche gesegnet. Tatsächlich aber ist der Reichtum einer ständigen Schwankung unterworfen und es hat immer Zeiten gegeben in denen die Reichen ärmer und die Armen reicher wurden, sei es nun durch die natürlichen Umstände selbst oder durch künstliche Regelungen der Menschen. Diese Einstellung ist grundsätzlich falsch. Es geht dabei in Wirklichkeit aber überhaupt nicht um eine Beschreibung der tatsächlichen wirtschaftlichen  Zusammenhänge, sondern um eine soziale Waffe, die die Armen gegen die Reichen verwenden. Einerseits können damit Minderwertigkeitsgefühle der Armen kompensiert werden, auf der anderen Seite scheint der Reichtum der Reichen dadurch ungerechtfertigt. So muss der Arme sich nicht seiner Verantwortung für seine Armut stellen und hat den Reichen als Sündenbock auserkoren. Es ist dies ein primitives Spiel des Menschen, das seit biblischen Zeiten (und in Wahrheit noch viel früheren Epochen) praktiziert wird. Dieses Statement ist ein Ausdruck der Unreife und Dummheit, eine Seelentrösterei - nichts weiter. Die einzige Ursache dafür ist der Neid der Armen auf die Reichen; die vorgeschobene "Gerechtigkeit" ist nichts weiter als eine Rationalisierung. Es sind ja immer jene, die glauben benachteiligt worden zu sein, die nach Gerechtigkeit schreiben - das ist ein altbekanntes Lied und wir sollten als Menschheit im 21. Jahrhundert reif genug geworden sein darauf nicht mehr hereinzufallen und die Dinge beim Namen zu nennen.
 
9. WÄST DU NICHT REICH, WÄR ICH NICHT ARM
Hier gilt im Wesentliche alles was bereits zu Punkt 8 gesagt wurde. Auch hier ist der Neid die wesentliche Triebfeder, gerade die Unmoral steht hinter dieser Annahme, wieder handelt es sich um eine Rationalisierung und die irrige Annahme der "Kuchen" des gesellschaftlichen Reichtums sei begrenzt. In Wahrheit steht die Größe dieses "Kuchens" niemals fest und jene, die zu dessen Vergrößerung beitragen haben zurecht größeren Anteil daran, denn es ist ihr verdienst, dass den so ist. Alle anderen profitieren davon. Wieder sieht man hier die primitive sozialistische und kommunistische Ansicht: "Die Reichen sollten sich schämen" am Werk. Falsche Annahme anderer Art sind hier ebenfalls zu bemerken, wie etwas, dass der Mensch des Menschen Feind sei. Wir wissen heute, dass der Mensch in erster Linie ein soziales Wesen ist und dass er viel eher auf seinen Menschen achtet, als dass er ihn missachtet. Unsoziales Verhalten ist viel seltener als soziales. Wir haben nur eine fatale Neigung das Unsoziales derart zu beachten, dass uns die Wahrheit entgeht.  Menschen sind ihrem Wesen nach unterschiedlich ausgebildet und begabt. Es gibt kluge und dumme, fleißige und faule, talentiert und untalentierte Individuen. Wer diese Unterschiede leugnet oder nivellieren möchte, verdrängt die Realität und handelt gegen die Natur des Menschen. Gerechtigkeit heißt nicht, dass jeder das gleiche bekommt, sondern, dass jedem das Seine geben wird. Um dies zu verstehen braucht es allerdings Verstand und der ist offensichtlich nicht jedem gegeben.

10. BEI DEN REICHEN LERNT MAN DAS SPAREN
Dahinter steckt der Vorwurf des Geizes und die Illusion dass Reichtum ein Ergebnis von Geiz sei, allenfalls noch von Sparsamkeit. Es ist gerade im deutschsprachigen Raum ein weitverbreiteter Irrtum, dass man durch Sparen reich werden könne.  Weitere Irrtümer, die hier angesprochen werden ist, dass Reiche immer aus eigener Kraft reich geworden seine, wobei man natürlich das Glück und den Zufall ausschalten muss, die immer beim Reichwerden mitspielen, als auch die Annahme die Reichen wüssten immer was sie tun. Damit werden deren Fähigkeiten mitunter gewaltig überschätzt und ein neuer Mythos geschaffen oder, sofern bereits vorhanden, verschärft.  Was allerdings grundsätzlich stimmt ist, dass man vorn Reichen kluge finanzielle Entscheidungen lernen kann. Insofern ist diese Aussage nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Samstag, 8. Dezember 2012

Dialog #1: Annäherung an die Frage des freien Willens und der menschlichen Entscheidungen

Der folgende Dialog ist ein fiktives philosophisches Gespräch zwischen zwei Diskurspartnern über die Frage danach, wie es sich mit der menschlichen Willensfreiheit verhält. In weiterer Folge schließt sich daran die Erörterung über das Problem der menschlichen Entscheidungsfindung an. Die beiden Gesprächspartner bleiben anonym, schriftbildlich unterscheiden sich die jeweiligen Aussagen dadurch, dass jene der zweiten Person kursiv geschrieben werden.

Wir haben bereits in unseren letzten Diskussionen gesehen, dass die Welt eine Vorstellung im Kopf ist und sonst nirgendwo, und dass wir nicht die geringste Gewissheit darüber haben können, ob es denn etwas außerhalb davon gibt, spricht ob die Welt überhaupt existent ist oder nicht. Jede Annahme in diese Richtung ist also notwendigerweise ein Sprung aus dem Kopf in eine vermeintliche Welt hinaus. Was uns heute jedoch beschäftigen soll ist eine andere, wenn auch nicht weniger wichtige, Frage der Philosophie, nämlich jene nach dem freien Willen.

Ganz recht und ich möchte gleich mit meiner These beginnen, dass wir einen solchen zweifelsfrei haben. Ich schließe mich ganz der Meinung Sartres an, der unser Leben wie eine leere Leinwand vor uns liegen sieht, auf die wir unser Dasein hinaufmalen, wie es uns beliebt. Ich halte es für zutreffend, dass wir bereits über eine Existenz verfügen, noch bevor wir Eigenschaften haben. Uns selbst zu erschaffen ist unsere Pflicht.

Nun der deutsche Philosoph Schopenhauer hätte für solch eine Ansicht nur Spott übrig gehabt, glaubte er doch, dass der Mensch ein Sklave seines Willens sei und er nicht im Geringsten auch nur die Möglichkeit besäße zu wollen was er wolle.

Der alte Pessimist! Kein Wunder, dass er für seine Mitmenschen eine sehr kuriose Gestalt war, gesellschaftlich nur schwer „genießbar“ scheint er dazu noch gewesen zu sein. Aber was soll das heißen „zu wollen, was er will“? Kann ich denn nicht wollen, was ich will?

Damit stellte Schopenhauer eine der berühmtesten und meist diskutierten Fragen der Philosophie und sie wird heute ebenso nicht wenig gestellt, denn wir verfügen über Daten, die uns bis vor kurzem nicht zugänglich waren. Bisher haben Denker immer nur das Denken selbst benutzt, um über das Denken nachzudenken, sie hatten jedoch nie die Möglichkeit sich das Organ, mit dem wir denken und das uns zu dem macht, wer wir sind anzusehen. Ich spreche natürlich vom Gehirn.

Ich bin mir nicht so sicher, dass das Gehirn uns zu dem macht, was wir sind.

Wie soll ich das verstehen?

Nun, das Gehirn mag ja tätig sein, wenn wir denken, aber können wir deshalb schon davon ausgehen, dass das Denken von ihm erzeugt wird? Könnte es nicht viel mehr sein, dass die Gehirntätigkeit einfach die materielle Erscheinung eines an sich immateriellen Vorgangs handelt.

Mein Freund, du sitzt hier einem alten Irrtum auf. Es scheint mir du hegst die Vorstellung eines Descartes, der davon ausging, dass Körper und Geist grundsätzlich voneinander getrennt seien, dass der Geist sozusagen im Körper drin wohne, wie ein Geist in einer Maschine, der nicht herauskann. Wir wissen aber heute mit Sicherheit, dass des Körpers Schicksal auch jenes des Geistes ist, die beiden sind miteinander verwoben und verhalten sich mehr wie zwei Seiten einer Medaille, als wie zwei grundsätzlich nicht zusammenhängenden Entitäten. Ohne Gehirn ist denken nicht möglich, auch ein Leben ist ohne es nicht möglich. Und dass das Gehirn uns zu dem macht, was wir sind, wird inzwischen nicht bestritten. Was wir jedoch sicher wissen, ist dass das Gehirn das hervorbringt, was wir Ich nennen, eine virtuelle Konstruktion, die zwar keine Existenz hat, aber doch notwendig für die Selbstorganisation, das gesunde Bestehen des einzelnen und der sozialen Kommunikation ist. Würde der Geist sozusagen immaterielle sein und auch als solcher denken, dann hätten die Gehirnforscher gar nichts zu tun. Sie untersuchten dann lediglich einen materiellen Abdruck einer an sich immateriellen Sache. Solche Gedanken seinen uns fern, die Diskussion darüber verlegen wir lieber auf ein andermal. Ich behaupte nun schlicht, dass es einen freien Willen überhaupt nicht gibt, ja aufgrund der Funktionsweise des menschlichen Gehirns überhaupt nicht geben kann. Ich führe das auf überzeugende Untersuchungen der Hirnforschung zurück, die klar gezeigt hat, dass jeder Vorgang im Gehirn bedingt ist. Wir können uns niemals ohne Bedingungen sehen, wir leben nicht in einem Vakuum, in dem wir uns die Welt von außen ansehen könnten, uns Vorstellungen machten und dann ganz frei eine Entscheidung treffen würden. Die Umstände zwingen uns in jedem Fall, da wir nun einen und zwar nur einen einzigen Gehirnzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt haben können und dieser Umstand gibt uns keine andere Wahl, als eben einen ganz spezifischen Willen zu haben. Eine andere Möglichkeit besteht nicht.

Nun gut, es stimmt sicher, dass wir in unserem Leben immer bedingt sind, dass wir nicht die Freiheit haben, quasi über unserem Leben zu schweben und unbeeinflusst tun und lassen zu können, was wir wollten, doch mir erscheint es viel zu eng bemessen zu sagen wir hätten überhaupt keine Wahl.

Ich verstehe, dass du dich dergestalt fühlst, das ist uns Menschen sehr vertraut, denn wir leben unser Leben mit dieser Vorstellung. Wir sehen uns die Welt an und erblicken theoretische Möglichkeiten und es fühlt sich so an, als ob sie uns alle offen stünden, als ob wir wirklich freie Menschen wären. Das Paradox ist jedoch, dass eben dies eine Illusion ist, für uns ist vieles denkbar, doch nur wenig machbar und was den Willen anbelangt, so ist in einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt keine Wahl vorhanden, sondern es gibt nur einen Zwang zu einer einzigen bestimmten Sache.

Ich fühle eine freie Wahl, doch dem ist nicht so? Das ist nur schwer zu glauben und noch schwerer zu akzeptieren. Die Vorstellung mein Leben nicht im Griff zu haben, und zwar prinzipiell nicht, lässt mich erschaudern!

Und doch führt kein Weg daran vorbei, dass wir nicht wollen können, was wir wollen.

Kannst du mir zumindest ein Experiment nennen, das deine Ansicht unterstützt?

Das ist kein Problem. Der amerikanische Hirnforscher Benjamin Libet hat bereits 1979 ein berühmt gewordenes Experiment durchgeführt. Dabei wurden drei Dinge gemessen. Erstens wann ein Mensch sich zu einem bestimmten Willen entschloss, wann das Gehirn darauf reagierte und letztlich, wann der Mensch dem Willen entsprechend eine Handlung setzte. Dabei kamen erstaunliche Ergebnisse heraus. Es wäre zu vermuten gewesen, dass zuerst der Mensch einen bewussten Willen fasst und erst danach das Gehirn entsprechend reagierte. In Wahrheit verhielt es sich genau umgekehrt. Das Gehirn hatte bereits, ohne dass der Proband davon wusste (also unbewusst), „entschieden“ (wenn man beim Unbewussten überhaupt von einer Entscheidung sprechen kann). Erst mit einer Zeitverzögerung von etwa einer halben Sekunde reagierten die Versuchspersonen bewusst auf diesen unbewussten Impuls. Daraus folgt, dass das Gehirn bereits einen Willen gefasst hatte, bevor das Bewusstsein davon wusste.

Das ist ja unglaublich! Aber wieso glaube ich dann doch, dass der Wille von mir selbst gekommen ist.

Nun, dass er von dir gekommen ist, ist durchaus richtig, doch du hast ihn nicht bewusst erzeugt. Dein Bewusstsein erkennt, was aus dem Unbewussten aufsteigt, meint aber fälschlicherweise es habe diesen Impuls (Willen oder Gedanken) selbst hervorgebracht. Das ist die große Illusion, in der sich fast alle Menschen befinden. Allerdings, man kann einem das nicht vorwerfen, denn dies ist nicht allgemeines Wissen und es ist vor allem kontraintuitiv. Man sieht daran übrigens auch, dass die Intuition ebenso irrtumsanfällig ist, wie alles andere am Menschen (insbesondere für die „Gefühlsmenschen“ ist dies wichtig zu begreifen). Erst die Gehirnforschung konnte Klarheit in dieser Sache bringen, alles was bisher getan werden konnte waren Spekulationen und meist hat das Temperament und die Lebenseinstellung der einzelnen Denker dazu beigetragen, dass sie sich entweder für den freien Willen oder den Determinismus entschieden hatten. Wobei freilich Abstufungen bestehen, das darf nicht übersehen werden.

Es erschreckt mich, wie wenig Macht wir über uns selbst haben.

Es ist mit Sicherheit ein Schlag für das menschliche Ego, denn wenn wir nicht wollen können, was wir wollen, dann sieht es so aus, als ob wir viel mehr gelebt werden, als dass wir leben. Wer wollte da denn noch stolz auf seine Leistungen sein? Für einen solchen Stolz gibt es keine wahre Grundlage. Wenn jemand stolz darauf ist, dass er reich, erfolgreich, klug oder liebevoll ist, dann ist dies ein lächerliches Unterfangen, denn nichts davon kann er sich selbst zurechnen lassen. Es war eben sein Unbewusstes, der wahre Herrscher in uns, wie schon Freud wusste, der dies alles gemacht hat.

Aber auch Fehlschläge sehen dann nicht mehr so schlimm aus.

Das ist die Kehrseite. Auch das ist richtig, denn ein Versagen ist ebenso nicht auf mein Bewusstsein zurückzuführen, auch dies hat das Unbewusste veranlasst. Das nimmt der Situation etwas von der Schärfe. Dass es deshalb schon zu Glück kommt, ist jedoch zu bezweifeln und es wäre meiner Meinung nach auch nicht angemessen solches alleine deshalb schon zu empfinden. Du weiß ja, wie sehr ich es mir zur Aufgabe gesetzt habe das menschliche Ego zu bekämpfen und klarzumachen, dass ein solches eine reine Illusion ist, eine Illusion, die unsägliches Leid auf der Welt verursacht und die Menschen entzweit. Aber dieses Thema ist derart umfangreich, dass wir einen separaten Dialog dafür anstreben sollten.

Gut, das ist mir auch Recht.

Das ungute Gefühl, dass sich bei der Gewissheit der Willensunfreiheit einschleicht ist nur schwer zu besänftigen. Ich habe nicht selten erlebt, dass auf anfänglich heftigen Widerstand sich allmählich tiefe Resignation eingeschlichen hatte. Man bedenke die sozialen Folgen, die sich einstellen, wenn diese Wahrheit allgemein akzeptiert wird.

Ja, das befürchte ich eben auch. Der Gedanken missfällt mir außerordentlich. - Soll das heißen wir Menschen tragen keine Verantwortung für unseren Willen?

Genauso ist es! Wir Menschen können den Willen nicht bewusst kontrollieren und daraus folgt zwangsläufig, dass wir für ihn keine Verantwortung tragen. Mit der Willensfreiheit fällt selbstverständlich auch das Einstehenmüssen für den Willen (und zwar für jeden Willen).

Was folgt denn weiter daraus? Sollen wir alles hinschmeißen?! Sind Menschen nicht verantwortlich für das was sie tun, dann wäre die logische Schlussfolgerung daraus, dass wir auch niemanden bestrafen könnten! Sollen wir nun alle Gefängnisse öffnen und alle Straftäter in die Freiheit entlassen mit der Begründung sie könnten ja nichts für ihre Taten, sie hätten eben so handeln müssen und hatten keine andere Wahl?!

Moment, du vermischst hier ein paar Dinge miteinander. Richtig ist einerseits, dass wirklich kein Mensch für seinen Willen verantwortlich ist und es ist deshalb auch unsinnig einen Menschen wegen seiner Gedanken zur Verantwortung zu ziehen. Es ist auch unsinnig, dass ein Mensch sich schuldig fühlt oder schlimmer noch sich schämt. Ein psychisch gesunder Mensch empfindet niemals Schuld oder Scham solche Gefühle sind immer Kennzeichen einer kranken Seele.

Und doch kommen sie doch ständig vor, bei fast allen Menschen.

Richtig, doch das zeigt doch nur, wie es um den Seelenzustand der Menschen in Wahrheit bestellt ist. Was nun jedoch deinen Fall mit den Strafgefangenen angeht, so ist zu bemerken, dass ihnen kein Vorwurf gemacht werden kann für ihre Taten, dass dies jedoch die juristische Verantwortung an sich noch nicht berührt (freilich wird die Frage der Schuld im rechtlichen Sinne anders gehandhabt werden müssen). Diese Menschen haben Fehler gemacht und diese Fehler werden auch Konsequenzen nach sich ziehen, doch um was es mir hier im Kern geht, ist die Frage der Moral. Wir können durchaus Werte haben, ohne eine Moral zu haben.

Ich glaube du begibst dich auf sehr dünnes Eis mir deinen Überlegungen.

Die Ansicht ist ungewohnt, das gebe ich zu, doch wenn wir ein menschenwürdigeres Leben haben wollen, wenn wir unsere Gesellschaft besser machen wollen, dann ist es notwendig, dass wir die Unterstellung, dass der Mensch einen freien Willen habe aufgeben. Und was die Moral anbelangt, so teilt diese immer in eine Gruppe, die man achtet und in eine, die man ächtet. Menschen werden durch sie getrennt und eine Gruppe unrechtmäßigerweise auf eine höhere und eine andere auf eine niedrigere Stufe gestellt. Und darin liegt eine der großen Ursachen für das gesellschaftliche Übel. Um er kurz zu sagen: Wenn wir damit aufhören Menschen in „gut“ und „böse“ einzuteilen, leben wir erst in der Realität, dann erst können wir zu einer menschlicheren, friedlicheren Welt beitragen.

Glaubst du die Menschen sind reif solche Einsichten zu haben.

Daran gibt es berechtigte Zweifel, doch wir haben keine Wahl, das alte Modell von Gut und Böse ist bankrott, es ist nicht mehr aufrecht zu erhalten und hat sich nachweislich als großes Hindernis auf dem Weg zu einer guten Welt herausgestellt. In einer freien demokratischen Gesellschaft sind die autokratischen Mittel der menschlichen Verhaltenssteuerung nicht mehr zulässig, sie sind selbst himmelschreiendes Unrecht geworden. Bestrafung ist empörend, Belohnung ist beleidigend! In einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, wie in den fortschrittlichsten Kulturen der Welt, ist es unzulässig, dass einer den anderen bestraft, ebenso, wie dass einer einem anderen eine Auszeichnung verleiht. Gerade in der Abschaffung der Moral liegt die große Chance für die Menschheit!

Es ist nicht leicht dir so einfach zuzustimmen, doch wenn ich es mir recht überlegen, sind es doch gerade die Moralisten, die am meisten das Zerstörerische auf der Welt bewirkt haben und noch immer bewirken. Moral kann ja nicht ohne Unmoral existieren, sie bringt das andere unweigerlich mit hervor.

Genauso ist es. Es sind zwei Werte, die uns dazu verpflichten diesem Dualismus zu entsagen: Einerseits ist es die Liebe zur Realität und damit zur Wahrheit und andererseits ist es die Liebe zum Menschen. Mit beiden ist die Illusion von Gut und Böse nicht vereinbar.

Gut gesprochen und ehrlich vorgebracht. Ich glaube einen Einwand muss ich hier noch machen. Wir haben von der Freiheit des Willens gesprochen und dass es eine solche nicht gäbe. Ich bin nun auch davon überzeugt, dass du damit Recht hast. Doch kann man vom Willen automatisch auf eine Handlung schließen? Ist es nicht so, dass wir zuerst etwas wollen und dann doch noch entscheiden können, ob wir dieses Wollen auch zum Tun machen oder nicht?

Das ist ein nicht unberechtigter Einwand. Das vorhin bereits erwähnte Experiment von Libet zeigte nämlich noch eine weitere Sache. Zwischen dem Selbst-Zuschreiben des Willens durch das Bewusstsein und einer daraus folgenden Handlung, die zum Beispiel in der Bewegung einer Hand bestand, vergingen noch einmal etwa zwei Zehntelsekunden. Es gibt tatsächlich noch einen Zeitraum, der beachtenswert ist. Diese Beobachtung lässt die Möglichkeit zu, dass das Bewusstsein so etwas wie ein „Veto“ einlegen kann.

Ein Veto, das klingt ja interessant.

Ja, der Wille drängt zur Handlung und ohne Bewusstsein würde hier eine ungebrochene Kette bestehen, wenn nicht irgendein äußerer Umstand sie durchbräche. Das Bewusstsein scheint uns tatsächlich zu befähigen „Nein“ zu sagen zu einem Impuls, der in uns hochsteigt. Um diese Fähigkeit gebrauchen zu können, müssen wir jedoch ein entsprechend ausgebildetes Bewusstsein haben und es ist fraglich ob jeder Mensch über ein solches verfügt. Wahrscheinlich, und dies trifft keinesfalls nur auf kranke oder psychisch eingeschränkte Personen zu, ist das Bewusstsein oft nicht derart ausgebildet.

Das wäre dann so eine Art „Beobachtendes Selbst“?

Genau. Und dieser „innere Beobachter“ gibt uns die Möglichkeit eine Handlung abzubrechen.

Heißt das dann nicht, dass der Mensch doch für seine Taten verantwortlich ist? Ich meine, es mag ja keinen freien Willen geben, doch was die Wirkung in der Welt betrifft, so können wir doch zumindest eine schädliche Handlung durch uns selbst abwehren. Und dadurch wäre die Verantwortung des Menschen ja wiederum im Spiel. Folglich gibt es zwar keinen Vorwurf für das Denken aber sehr wohl einen für das Handeln. Und viel mehr fordert unsere Gesellschaft ja ohnehin bereits heute schon nicht.

Hört sich nicht schlecht an, doch was ist dieses Bewusstsein? Ich glaube nicht, dass dieses wirklich frei ist, auch das Bewusstsein ist ein Produkt eines spezifischen Hirnzustandes zu einem gegebenen Zeitpunkt. Also kann auch dieses uns nicht so etwas wie einen echten Spielraum geben. Es sind zwar mindestens zwei Vorgänge (sehr vereinfacht ausgedrückt natürlich) die zwischen Willensimpuls und Handlung stehen, doch dass der eine determiniert und der andere frei sein soll, dafür gibt es keinen Beweis. Generell tendieren Gehirnforscher dazu uns keine Freiheit im Gehirn und damit auch im Leben zuzugestehen.

Können wir unserem Leben nur zuschauen ohne etwas zu tun? Sind wir reine Beobachter und gar keine aktiv lebenden Wesen? Wie ist es zum Beispiel mit lernen? Ich bin nicht mehr der gleiche, der ich vor zehn Jahren war und in zehn Jahren werde ich wiederum ein anderer sein.

Das schließt doch den Determinismus nicht aus?

Natürlich nicht, doch behaupte ich doch, dass ich mich bis zu einem gewissen Grad zumindest bewusst weiterentwickelt habe. Ich bin nicht wie ein Blatt im Wind hin und her getrieben worden, sondern habe bestimmte Dinge bewusst verfolgt und viele auch erreicht. Ich habe mir etwa bestimmte Kenntnisse angeeignet, die viel Zeit und Energie erforderten und die nur zu erreichen waren, weil ich mich permanent auf eine Sache konzentriert hatte. Es ist doch äußerst unwahrscheinlich, dass ich gerade auf so viele günstige Umstände gestoßen war, dass dies am Ende herauskommen musste. Wie erklären wir uns denn die akademischen Erfolge von tausenden Studenten, die wirtschaftlichen Erfolge von Unternehmern, Olympiasiege von Sportlern, wenn dies alles dem Zufall zuzuschreiben wäre? Rein nach der Wahrscheinlichkeit des Zufalls, dürften doch all diese Fälle nicht eintreten?

So gesehen ist das richtig. Doch ich glaube du missverstehst das Konzept des Zufalls. Wenn man vom Nichts ausgeht und dann berechnen möchte, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass etwas Hochkomplexes, wie etwa ein Computer herauskommt, dann ist es tatsächlich so, dass man davon nicht ernsthaft ausgehen kann. Doch wenn man die Entwicklungslinien kennt, anhand deren sich Komplexität entwickelt, dann wird die Sache erklärbar und man braucht keine unendlich kleinen Wahrscheinlichkeiten mehr anzunehmen.

Dieses Problem sieht so ähnlich aus, wie die Frage nach der Komplexität in der Welt. Manche Menschen meinen die Welt wäre so wunderbar komplex und so vieles auf einander perfekt abgestimmt (zum Beispiel die grundlegenden Naturkonstanten), dass es völlig unwahrscheinlich sei, dass der Zufall das Universum hervorgebracht habe. Sie schließen deshalb daraus, dass es eine Schöpfungsintelligenz geben müsse.

Das ist völliger Unsinn, eine solche Intelligenz gibt es sicherlich nicht. Aber das Problem gleicht dem unseren hier, darin stimme ich dir zu.

Welche Folgen zieht jedoch gesellschaftlich der Wegfall von Gut und Böse nach sich? Gibt es da keine Gefahren?

Oh doch und sie sind durchaus mannigfaltig. Es gibt zwei große Gruppen davon. Erstens ist es der Fatalismus und zweitens der Nihilismus. Manche meinen, wenn der Mensch sein Leben nicht steuern könne, dann sei alles bis ins Kleinste vorherbestimmt und wir könnten uns ohnehin nur dem Schicksal ergeben. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass der Kosmos an sich nicht vorherbestimmt ist, die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Es gibt deshalb auch keine Prophezeiungen, die funktionieren (wenngleich Einfältige überall auf der Welt solches glauben) und das ist auch gut so. Wir wirken alle an der Zukunft mit, es sind unsere Handlungen, die die Umstände schaffen, zumindest im Bereich der menschlichen Macht, die dazu beitragen. Zwar haben wir keinen freien Willen, doch wir können sehr wohl daran arbeiten einen Willen in Zukunft herbeizuführen, damit auch unsere Handlungen und in der Folge auch unser Schicksal. Der alte Satz von Heraklit (auch Freud hat ihn gerne benutzt), dass des Menschen Charakter sein Schicksal sei, gilt auch heute noch. Wir haben nicht die Möglichkeit von einer Sekunde auf die nächste unser Schicksal zu ändern, doch auf längere Sicht haben wir sie sehr wohl.

Wie darf ich das verstehen?

Unser Leben gleicht einem Supertanker. Wir fahren mit einer gewissen Geschwindigkeit, sehr träge im Ozean des Lebens dahin, unsere Gewohnheit und unsere Lebensenergie haben unseren Kurs bestimmt und halten uns auf „Autopilot“. Wenn wir nichts ändern oder wenn wir nicht mit einem äußeren Hindernis (wie etwa einer Steilküste oder einem Eisberg) zusammenstoßen, dann halten wir sowohl die Geschwindigkeit, als auch die Richtung ewig bei.

Das erinnert mich an Newtons erstes Axiom.

Es gilt auch hier, dass Körper sich in Ruhe oder gleichförmiger Bewegung befinden, wenn keine Kraft auf sie einwirkt. Und eben diese Kraft kann auch durch uns selbst kommen. Wenn wir nun unsere Gedanken ändern, wenn wir die Umstände unseres Lebens ändern (zum Beispiel durch einen neuen Freundeskreis oder einen anderen Arbeitsplatz), dann ist das so, als ob wir am Steuerruder des Supertankers gedreht hätten. Nun ist unsere Leben aber derart träge, dass es wie bei dem großen Schiff längere Zeit dauert, bis die Kursänderung im Leben spürbar wird und bis es soweit ist hilft nur Beharrungsvermögen.

Und man braucht den Glauben daran, dass die eigenen Handlungen etwas bewirken, ansonsten hat man auch kein Beharrungsvermögen.

Sehr richtig. Es ist deshalb gerade für die Fatalisten wichtig, dass sie sich vor Augen halten, dass sie Einfluss auf das Leben haben, dass es, wenn auch träge, so doch steuerbar ist. Wichtig ist dazu, dass wir uns die Optionen, die sich uns bieten, mitsamt den Folgen, vor Augen halten.

Und die Möglichkeit zu handeln dürfen wir auch nicht vergessen.

Natürlich nicht, dies wäre fatal. Du siehst also wir sind nur dann Sklaven unseres Willens, wenn wir über einen Mangel an Bewusstheit verfügen.

Nun gut, da wäre aber noch die Frage des Nihilismus‘.

Die Ansicht, dass alles bedeutungslos sei, widerspricht unserem Gefühl, nicht unserem Verstand, denn ein solcher kann bei der Frage der Werte nur assistierend beteiligt sein, nicht aber entscheidend. Mit der Abschaffung von Gut und Böse, schaffe ich keinesfalls das Werten oder gar die Werte selbst ab. Wir müssen nicht von Gut und Böse, sondern von Richtig und Falsch sprechen.

Ist das nicht einfach ein anderes Etikett für dieselbe Sache?

Nein, Gut und Böse bedeuten Moral, Richtig und Falsch jedoch erhöhen niemanden und erniedrigen auch niemanden, die entsprechen der wahren Gerechtigkeit, das ist das Entscheidende – keiner geht des Respekts verlustig. Gerade die Frage der Menschenrechte und ihrer absoluten Geltung ist nicht diskutabel. Das menschliche Leben als höchsten Wert festzuschreiben entspricht sowohl der Ratio, als auch dem Affekt.

Das verstehe ich, es ist wie bei den Vernunftsaffekten nach Spinoza. Aber diese Einsicht hat sich auf der Welt noch nicht umfassend durchgesetzt.

Es wird Aufgabe von Aufklärern unserer Zeit und auch der Zukunft sein dafür zu sorgen, dass wir es hier mit echten Werten zu tun haben, die sich von kultur- und zeitgebundenen Werten abheben und ewige Gültigkeit verlangen können.

Also kein „die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“?

Ein zynischer Spruch, dessen Ironie nur selten verstanden wird.

Ich fürchte es wird nicht leicht werden eine Welt zu schaffen, in der es kein Gut und Böse, dagegen ein Richtig und Falsch, ohne Ächtung irgendeines Menschen in irgendeiner Situation geben wird, eine Gesellschaft, die trotzdem die ethischste von alle sein soll und Werte besitzt, die sie (bei allem sonstigen Rechtspositivismus) für absolut schützenswert ansieht und für deren Einhaltung sie bereit ist jedes Mittel aufzubieten.

Es ist eine Mammutaufgabe! Ein großes Projekt, das vor mehr als zweihundert Jahren begonnen wurde und in dessen Tradition große Männer stehen. Wir beide stehen auch in dieser Tradition und wir wollen die Fackel des Lichts weiter in die Zukunft tragen.

Eine ehrenvolle Aufgabe. – Wie steht’s mit der Toleranz bei dieser Sache?

Toleranz, nicht Permissivität, heißt das Schlagwort. Auch verwechsle man Toleranz keinesfalls mit Ignoranz, die leider in der Praxis nur allzu oft der wahre Hintergrund einer „toleranten“ Haltung ist (neben der Angst Konflikte auszulösen). Und doch wollen wir nicht so weit gehen Akzeptanz zu fordern, damit griffen wir unzulässigerweise in die Freiheit des s sein. Toleranz zeigt sich erst dort, wo einer es erduldet, dass ein anderer etwas sagt, tut, denkt oder fühlt, das er selbst ablehnt, ja mitunter aus tiefstem Herzen heraus. Denn was wäre das für ein Verdienst zu „dulden“, was man ohnehin selbst für gut heißt? Nein, tolerieren, heißt eine Last zu tragen, den Schmerz auf sich zu nehmen, den man dabei empfindet, dass einer ein Leben führt, das man selbst verabscheut. Dieses Erduldenmüssen des Ungemachs, kann und muss von einer modernen Gesellschaft von jedem gefordert werden.

Das lass uns in Angriff nehmen!

Nur zu gerne mein Freund.